Hamburg

In Hamburg hält die heimatlose Linke nicht mehr viel von ihrem politischen Heimatrecht. Was im letzten Jahr noch als gesellschaftlich notscheint und daher als erstrebenswert galt, erscheint heute manchem APO-Genossen als bürgerliche Gefahr. "Die revolutionäre Pseudogemütlichkeit des Republikanischen Clubs (RC)", so sieht es ein ehemaliger Clubgast, "muß zerschlagen werden – sie ist konterrevolutionär."

In der letzten Woche demonstrierte eine kurzfristig einberufene RC-Versammlung noch einmal Geschlossenheit: einig war man sich, die Clubräume am HSV-Platz aufzugeben, einig aber wußte man sich auch mit dem Vermieter ("Hausbesitzer- und RC-Interessen laufen parallel") über die am Schwarzen Brett angeschlagene Auslegung von dem, was in der Tat "konterrevolutionär" ist – nämlich Dreck.

So umschreiben beide Seiten den gleichen Tatbestand im jeweils eigenen Vokabular. Hausbesitzer Franz Groh vermutet unter einigen, vom RC beherbergten Gruppen "etwas abseitige Vorstellungen von gewissen Dingen – man könnte fast mit Herrn Strauß sprechen"; und für die RC-Sprecher führte "antiautoritäre und bloße Konsumhaltung zu Formen einer Subkultur". Fest steht: Die politische Unraststätte von einst hatte sich innerhalb eines Jahres immer mehr zur Unratstätte gewandelt.

Und doch sind bürgerliche Moral- und Ordnungsvorstellungen nur äußerliche Gründe, die zur vorzeitigen Auflösung des Mietvertrages führten. Die Gründungsdevise der Club-Republikaner ist tot. Auf der Tradition fürstenfeindlicher Bürgerclubs des 19. Jahrhunderts und nach dem organisatorischen Vorbild der Berliner Linken schufen sich die außerparlamentarischen Oppositionellen aller linken Farben ein räumliches Diskussionszentrum in Uninähe. Die Clubräume (Miete 1600 Mark) sollten jedem, dem es unter dem freien hanseatischen Demonstrationshimmel zu kalt oder zu gefährlich wurde, offenstehen.

Ein bißchen Sperrmüll zum Sitzen und Liegen, eine alte Abziehpresse für Agitationsschriften und eine rote Fahne genügten als Inventar. Atmosphäre sollten die nächtelangen Gespräche über linkes Selbstverständnis und politische Strategie schaffen. Aus Pfarrhäusern und Redaktionsstuben, aus Studentenbuden, NDR-Studios und Gewerkschaftsbüros fand sich schnell ein starkes Fähnlein von ein paar hundert aufrechten Genossen ein. Doch so sehr sie sich auch gegen Notstandsgesetze, Rechtsentwicklung und Bonner Koalition einig wußten – an den eigenen politischen Absichten hatten sie sich bald ineinander verbissen.

Der leidige linke Streit zwischen den "Traditionalisten" des KP-Flügels und den "Antiautoritären" machte auch vor den Türen des Hamburger RC nicht halt. Nach der sowjetischen Invasion in Prag zerfiel die Solidarität endgültig. RC-Vorsitzender Marcus Scholz wurde abgewählt. Lethargie und Langeweile breiteten sich immer stärker aus, die Mitglieder wanderten in Kommunen oder Wahlbündnisse ab, zuletzt trat der Arbeitskreis Organisation zurück – es war nicht möglich, eine Clubstrategie zu entwickeln.

Jetzt hofft der noch verbliebene Rest republikanischer Stammlinker auf die alten Beitragszahler und auf einen neuen Anfang. Die Wortführer strichen deshalb am vergangenen Sonnabend das RC-Notprogramm auf zwei Punkte zusammen: "Zwei kleine Räume und eine klare Strategie." Noch ist beides nur Wunsch und Theorie. Und Theorie, so meinte ein resignierender Republikaner, "Theorie ist im RC immer noch mehr grau als rot". S. B.