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Von Jörg Drews

Daß Schmidt nicht nur Romancier, sondern auch ein Philologe von Rang ist, belegen seine zahlreichen Aufsätze zu literarhistorischen Fragen, seine Fouqué-Biographie (für die man ihm den Dr. phil. verleihen sollte) und, vor allem, seine Radioessays, denen seit 1955 ein beträchtlicher Teil seiner Arbeitskraft gewidmet ist und die seit 1958 auch in Buchform erscheinen. Sie haben eine Stellung unter Schmidts Werken, die bisher noch kaum richtig gesehen wurde, und sind doch von großer Aufschlußkraft für sein literarisches Denken. In seinen Radio-"Nachrichten von Büchern und Menschen" kommen Züge Schmidts zur Geltung, die früher auch in den Romanen sich ausprägten, dann aber hinter deren Sprachkünstlertum zurücktraten: seine Neigung zu studienrätlichem Dozieren, sein engagiertes politisches Aufklärertum, sein literarisches Präzeptorentum.

Daneben verraten seine Funk-Features vor allem sehr viel über seine literarische Ahnengalerie, über die Bücher und Autoren, die für ihn wichtig wurden und die er auch von andern entdeckt sehen möchte. Und da Wieland und Cooper, Gutzkow und Brockes, Moritz und Stifter Schmidts Götter sind oder waren, erhält man aus den betreffenden Radioessays so manchen Aufschluß über dunkle örter in seinen Romanen, über Anspielungen und Zitate, an denen man vorher vergeblich herumgerätselt hatte.

Dabei ist es oft nicht einmal unbedingt nötig, sich in all die Bücher zu vertiefen, die Schmidt empfiehlt; der Spaß an den Vorlesungen vom Katheder der Schmidtschen Radiodozentur ist auf weite Strecken der Spaß an Schmidt – was aber nicht heißt, man könnte nicht, seine Ratschläge befolgend wie die eines belesenen Freundes, auf kostbarste Stücke stoßen, wenn man den auf rare Pappbändchen oder alte Gesamtausgaben weisenden Fingerzeigen folgt.

Gut, von Brockes und Wieland, von Schnabel und von Wezel hatten wir schon vorher gehört, aber Schmidts Autorität ist eben größer als die der unterschiedslos alles verwurstelnden Literaturgeschichte, und so wird der Bargfelder manchen dazu gebracht haben, sich mit gewissen alten Büchern wirklich einzulassen, seien es nun Gutzkows "Ritter vom Geiste" oder Lewis Carrolls "Sylvie und Bruno".

"Krausester Lektur" befleißigt er sich, das weiß man. Doch im allgemeinen kreist er um einige, nur langsam wechselnde, große literarische Gestirne. Welche Bücher und Autoren zur Zeit bei ihm im Zenit der Schätzung stehen, weist sein neues Buch aus –

Arno Schmidt: "Der Triton mit dem Sonnenschirm. – Großbritannische Gemütsergötzungen", elf Radioessays und Aufsätze; Stahlberg Verlag, Karlsruhe, 428 S., 23,– DM.

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Zu rühmen ist an diesem Band, der nicht nur Feature-Texte, sondern auch "normale" Aufsätze enthält, sehr vieles. Fangen wir mit den geringeren, überdies auch mehr der Vergangenheit als der Zukunft des Schriftstellers Schmidt verbundenen Stücken an.

Ein Verleger hatte ein Einsehen und beauftragte Schmidt mit einer Neuübersetzung von Coopers "Conanchet", der er dann ein Nachwort beigab, an dem sich jeder Übersetzer und Herausgeber ein Beispiel nehmen kann. Mag das Nachwort "positivistisch" schelten, wer will: es schließt Coopers Werk so auf wie keine andere deutsche Arbeit über den bei uns nur als Autor des "Lederstrumpf" bekannten amerikanischen Stifter. Ein anderer Verleger glaubte den richtigen Riecher zu haben und brachte eine verfumfeite Abbreviatur von Coopers "Littlepage"-Trilogie auf den Markt, die ihm von Schmidt um die Ohren gehauen wird; Gelegenheit, den hinreißenden Polemiker Schmidt zu entdecken, der – entrüstet und faktenbewaffnet – das übersetzerische Machwerk in den Orkus donnert.

Zwei Stücke zu Cooper also. Kostenlos-kostbare Hinweise für Verleger gibt Schmidt in "Angria & Gondal. Der Traum der taubengrauen Schwestern". Charlotte, Emily und Anne Bronte sind die apostrophierten Schwestern, und der auch in England nur in Bruchstücken im Druck verfügbare ausgedehnte literarische Tagtraum von den Phantasie-Königreichen Angria und Gondal, der völlige Gegensatz zu den trockenumständlichen Cooperschen Realistica, dies monumental-krause "Längere Gedankenspiel" (um in Schmidtscher Terminologie zu sprechen) wäre, da hat er sicher recht, eine Auswahlübersetzung wert. Als Kinder begannen die Brontës in ihrer abgeschiedenen Pfarre in Yorkshire diesen literarischen Traum und spielten ihn fort bis ins Erwachsenenalter, machten ein Stück glühendbizarrer Literatur daraus, das – von Emilys "Wuthering Heights" vielleicht abgesehen – viel bedeutender ist als ihre sonstigen Romane. Hier stellt Schmidt allerdings das Biographische so sehr in den Vordergrund, daß er es dem Leser nicht übelnehmen kann, wenn der von der Kostbarkeit von Angria und Gondal nicht gleich ganz überzeugt ist.

Was Schmidt preist, präsentiert er viel geschickter und lebendiger in dem Radioessay "Der Titel aller Titel!", wo’s um Wilkie Collins geht, den Paradefall und Beweis dessen, daß Schmidt weiß, wovon er redet. Seine Übersetzung der "Frau in Weiß" wurde ein Erfolg, und seinen Hinweis auf Collins und speziell auf dieses seiner Bücher empfindet Schmidt sicher als einen kleinen Triumph, denn die Collins-Renaissance wurde in Deutschland von ihm eingeleitet. Überdies ist seine romantechnische und tiefenpsychologische Aufschlüsselung des Buchs ein Meisterstück, bemerkenswert deshalb, weil manche den Kritiker Schmidt nur als Vulgärliteratur-Soziologen oder als positivistischen Faktenhuber sehen wollten.

Bis hierher: Vergangenes, schon Bekanntes und handwerklich Gutes, Stücke, die, wie zum Beispiel der Radioessay über Dickens, von der Beherrschung der Sache und von Verstand fürs Medium Funk zeugen. Und was weiter?

Was weiter in dem Band enthalten ist, führt uns an den aktuellen und den zukünftigen Schmidt heran. Die Zielrichtung heißt: James Joyce, hier geht’s ins Zentrum, und die Thesen Schmidts, gut zu wissen für den zukünftigen Leser von Schmidts magnum opus "Zettels Traum", gut zu kennen auch für den, der an "Finnegans Wake" herumrätselt, purzeln nur so. These 1: "Finnegans Wake" ist zu lesen unter Zugrundelegung eines autobiographischen "Lesemodells", das gleichberechtigt neben dem mystisch-mythischen (auf das sich die Joyce-Forschung bisher hauptsächlich kaprizierte) zu stehen hat und mit der man mindestens ebenso große Partien der "Bibel für Kreuzworträtselsüchtige" (Stanislaus Joyce über "Finnegans Wake") entschlüsseln kann. These 2: "Finnegans Wake" ist nicht in Wörtern, sondern auf weite Strecken in "Etyms" geschrieben, in Wortkonstrukten, die darauf beruhen, daß klangähnliche Wörter im Gehirn benachbart gelagert sind und gemeinsam "abgerufen" werden können. These 3: "Finnegans Wake" ist mit einem zu großen subjektiven Verdunklungsfaktor geschrieben (wovor Schmidt als redlicher Realist sich in "Zettels Traum" programmatisch gehütet haben will). These 4: Eine Übersetzung des Werks ins Deutsche – oder besser: eine "erste Näherung in deutscher Sprache" – wäre möglich, müßte aber möglichst bald geschehen, weil viele zeitgebundene Anspielungen sonst nie mehr verständlich sein werden.

Übergehen wir Thesen 1 und 2 (sie stimmen wohl, cum grano salis, wenn auch der von Schmidt geprägte Begriff "Etym" nicht ganz glücklich ist, weil zu nahe am Terminus "Etymologie", mit dem er nichts zu tun hat); warten wir, was These 3 betrifft, auf "Zettels Traum"; bleiben wir aber einen Moment bei These 4. Sie ist die beste und zugleich die betrüblichste. Denn Schmidt legt in dem Titelessay "Der Triton mit dem Sonnenschirm" (das schnurrige Tier ist "Shem the punman himself" alias James Joyce) zwölf Seiten seines eigenen Übersetzungsversuchs einiger Partien aus "Finnegans Wake" vor, dem deutschen Leser zur Freude, dem mit Joyce Vertrauten zum Beleg dessen, daß Schmidt in der Tat der geeignete Wort-Kobold gewesen wäre, uns Deutschen mit einer Übersetzung des ganzen Buches eine Ahnung von "Finnegans Wake" zu verschaffen. Gewesen wäre – denn vor einigen Jahren bot Schmidt fünf deutschen Verlegern an, eine Modellübersetzung von "Finnegans Wake" zu liefern. Schmidt war bereit, sechs Jahre Arbeit zu investieren und sich mit einer Bezahlung zu begnügen, die man nur als Trinkgeld bezeichnen kann. Die Verleger lehnten ab. Wie sie das dereinst vor dem Jüngsten Gericht der Weltliteratur verantworten wollen, das weiß der Teufel. Was uns da entgangen ist, möge der Leser an Hand der wenigen Seiten Schmidtscher Übersetzung selbst beurteilen. Der Einwand, es wäre dann nicht Joyce, sondern Joyce & Schmidt herausgekommen, zieht nicht: Eine Übersetzung von "Finnegans Wake", falls man sie je vornehmen wird, muß immer eine subjektiv gefärbte Übersetzung sein, und die Schmidtsche Subjektivität wäre in diesem Fall die schlechteste nicht gewesen. So viel zu Joyce und einer versäumten Gelegenheit, ihn in Deutschland heimischer zu machen; wer wissen will, wie Schmidt sich anderen Partien des Buchs nähern wollte, der lese die "kaleidoskopischen Kollidiereskapaden", den "Versuch, das konfuse Buch konsequent im realistisch-autobiographischen Sinne zu lesen".

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Exerzitien zur Einübung in "Zettels Traum", der nächstes Jahr erscheinen wird, sind aber nicht nur die Joyce-Stücke, sondern auch der "Fall Ascher". Edgar Allan Poe – der Schmidt-Leser weiß es – ist einer der Lieblinge des "vor der Schreibmaschine ergrauten Wortmetzen" aus Bargfeld, und Schmidts entscheidender Anteil an der dreibändigen Poe-Übersetzung, von der bisher zwei Bände erschienen sind, ist ebenfalls bekannt. Poe aber ist seinerseits eine der sechs Hauptfiguren von "Zettels Traum", die Hauptfigur und der Forschungsgegenstand der linken Spalte des Riesenbuches, und der "Fall Ascher" gibt einen Vorgeschmack dessen, was in dieser linken, dem Bio- und Psychogramm Poes gewidmeten Spalte auf uns wartet – Entdeckungen der Art nämlich: daß die Quelle von Poes "Fall of the House of Usher" die Erzählung "Das Raubschloß" unseres deutschen Trivialschnulzenautors Heinrich ("Mimili") Clauren ist.

Der Vorausdeutungen noch nicht genug. "Was wird er damit machen?" ist der Titel des Glanzstücks unter den Funk-Features, gewidmet dem dritten Mann in dem literarischen Dreieck Charles Dickens – Wilkie Collins – Edward Bulwer-Lytton. Das Bulwer-Stück unterscheidet sich von früheren Radioessays Schmidts so wie zum Beispiel "Caliban über Setebos" von der "Gelehrtenrepublik"; hier wird evident, daß Schmidt nicht etwa die Features lieblos-schematisch ums liebe Brot schreibt, sondern deren Sprache teilnehmen läßt an dem zunehmenden Komplikationsgrad aller seiner Bücher. Früher war der Ton der Funk-Features trockener, "normaler",

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dezidiert unterschieden vom Sprachstil seiner Romane. Schon in der Sendung zu den Brontë-Schwestern, wo er in der besten Manier seiner Landschaftsschilderungen das wilde Yorkshire vor unsere Augen stellt, vor allem aber im Bulwer-Feature hat seine Sprache einen Verdichtungsgrad, zeigt sich eine Sorgfalt der Bearbeitung und physiognomische Eigenwilligkeit, die das Stück auf das Niveau seiner Romane heben. Ein breites sprachliches Register wird eingesetzt; altfränkisches Deutsch, psychoanalytische Terminologie, polyvalente Wortspäße und skurril-flapsiger Umgangsjargon stehen ihm mit gleicher Leichtigkeit zur Verfügung. Die Gruppierung der drei Personen, die sich über den episch produktiven Lord Bulwer unterhalten, läßt noch ein bißchen das alte Schema des irgendwie inszenierten Streitgesprächs erkennen, das die bei einem einstimmigen Funkvortrag aufkommende Langeweile monotonen Dozierens bannen soll. Doch nun ist der Dialog amüsant und lebendig, der Gegenstand der Unterhaltung weniger denn je nur Literatur; vielmehr: anläßlich dieser kommt es zu asides, zu beiläufig gegebenen Aphorismen und Reflexionen, zu Meinungsäußerungen und Kommentaren über die Weltläufte und den Stand der menschlichen Dinge, die ganz vom Schmidtschen Naturell geprägt sind, das man als eine Mischung aus Weisheit, melancholischer Abgebrühtheit und Idiosynkrasien bezeichnen könnte. Es entsteht nicht ein Dialog, sondern eine Szene, die überdies durch einen – fast möchte man sagen: reizenden – Trick mit dem Inhalt des Gesprächs verknüpft wird.

Und warum heißt der Radioessay "Was wird er damit machen"? Weil Bulwer einen Roman mit dem Titel "What Will He Do With It?" schrieb und 1858 publizierte. Und Schmidt, was wird er damit machen? Er wird das viktorianisch umfangreiche Buch übersetzen, so übersetzen, wie das wohl derzeit nur einer kann in Deutschlands Gauen: Arno Schmidt.

Die Essays im "Triton mit dem Sonnenschirm" sind nicht das entscheidende neue Wort Schmidts in unserer Literatur; es fehlt überdies an einer Stelle an Vollständigkeit: Wenn man zeigen wollte, was für Schmidt zur Zeit wichtig ist, hätte sein Aufsatz über Lewis Carroll nicht fehlen dürfen, um Schmidts englische Studien zu dokumentieren und den literarischen Kosmos abzubilden, in dem er sich zur Zeit bewegt; und einen anderen Untertitel hätte man vielleicht auch finden können, wo so viel von zwei Amerikanern und einem Iren die Rede ist.

Aber das sind Kleinigkeiten. Was zählt, sind die Hinweise auf Bulwer, den Schmidt in Deutschland wieder einführen wird, die reichen Anregungen allgemein, denen der Wissensdurstige folgen kann, vor allem aber die Vorschulung, die der "Triton"-Band uns bietet fürs Auskundschaften jenes neuen epischen Kontinents, der nächstes Jahr aus dem Fluten des Büchermeeres auftauchen wird: "Zettels Traum".