Zu rühmen ist an diesem Band, der nicht nur Feature-Texte, sondern auch "normale" Aufsätze enthält, sehr vieles. Fangen wir mit den geringeren, überdies auch mehr der Vergangenheit als der Zukunft des Schriftstellers Schmidt verbundenen Stücken an.

Ein Verleger hatte ein Einsehen und beauftragte Schmidt mit einer Neuübersetzung von Coopers "Conanchet", der er dann ein Nachwort beigab, an dem sich jeder Übersetzer und Herausgeber ein Beispiel nehmen kann. Mag das Nachwort "positivistisch" schelten, wer will: es schließt Coopers Werk so auf wie keine andere deutsche Arbeit über den bei uns nur als Autor des "Lederstrumpf" bekannten amerikanischen Stifter. Ein anderer Verleger glaubte den richtigen Riecher zu haben und brachte eine verfumfeite Abbreviatur von Coopers "Littlepage"-Trilogie auf den Markt, die ihm von Schmidt um die Ohren gehauen wird; Gelegenheit, den hinreißenden Polemiker Schmidt zu entdecken, der – entrüstet und faktenbewaffnet – das übersetzerische Machwerk in den Orkus donnert.

Zwei Stücke zu Cooper also. Kostenlos-kostbare Hinweise für Verleger gibt Schmidt in "Angria & Gondal. Der Traum der taubengrauen Schwestern". Charlotte, Emily und Anne Bronte sind die apostrophierten Schwestern, und der auch in England nur in Bruchstücken im Druck verfügbare ausgedehnte literarische Tagtraum von den Phantasie-Königreichen Angria und Gondal, der völlige Gegensatz zu den trockenumständlichen Cooperschen Realistica, dies monumental-krause "Längere Gedankenspiel" (um in Schmidtscher Terminologie zu sprechen) wäre, da hat er sicher recht, eine Auswahlübersetzung wert. Als Kinder begannen die Brontës in ihrer abgeschiedenen Pfarre in Yorkshire diesen literarischen Traum und spielten ihn fort bis ins Erwachsenenalter, machten ein Stück glühendbizarrer Literatur daraus, das – von Emilys "Wuthering Heights" vielleicht abgesehen – viel bedeutender ist als ihre sonstigen Romane. Hier stellt Schmidt allerdings das Biographische so sehr in den Vordergrund, daß er es dem Leser nicht übelnehmen kann, wenn der von der Kostbarkeit von Angria und Gondal nicht gleich ganz überzeugt ist.

Was Schmidt preist, präsentiert er viel geschickter und lebendiger in dem Radioessay "Der Titel aller Titel!", wo’s um Wilkie Collins geht, den Paradefall und Beweis dessen, daß Schmidt weiß, wovon er redet. Seine Übersetzung der "Frau in Weiß" wurde ein Erfolg, und seinen Hinweis auf Collins und speziell auf dieses seiner Bücher empfindet Schmidt sicher als einen kleinen Triumph, denn die Collins-Renaissance wurde in Deutschland von ihm eingeleitet. Überdies ist seine romantechnische und tiefenpsychologische Aufschlüsselung des Buchs ein Meisterstück, bemerkenswert deshalb, weil manche den Kritiker Schmidt nur als Vulgärliteratur-Soziologen oder als positivistischen Faktenhuber sehen wollten.

Bis hierher: Vergangenes, schon Bekanntes und handwerklich Gutes, Stücke, die, wie zum Beispiel der Radioessay über Dickens, von der Beherrschung der Sache und von Verstand fürs Medium Funk zeugen. Und was weiter?

Was weiter in dem Band enthalten ist, führt uns an den aktuellen und den zukünftigen Schmidt heran. Die Zielrichtung heißt: James Joyce, hier geht’s ins Zentrum, und die Thesen Schmidts, gut zu wissen für den zukünftigen Leser von Schmidts magnum opus "Zettels Traum", gut zu kennen auch für den, der an "Finnegans Wake" herumrätselt, purzeln nur so. These 1: "Finnegans Wake" ist zu lesen unter Zugrundelegung eines autobiographischen "Lesemodells", das gleichberechtigt neben dem mystisch-mythischen (auf das sich die Joyce-Forschung bisher hauptsächlich kaprizierte) zu stehen hat und mit der man mindestens ebenso große Partien der "Bibel für Kreuzworträtselsüchtige" (Stanislaus Joyce über "Finnegans Wake") entschlüsseln kann. These 2: "Finnegans Wake" ist nicht in Wörtern, sondern auf weite Strecken in "Etyms" geschrieben, in Wortkonstrukten, die darauf beruhen, daß klangähnliche Wörter im Gehirn benachbart gelagert sind und gemeinsam "abgerufen" werden können. These 3: "Finnegans Wake" ist mit einem zu großen subjektiven Verdunklungsfaktor geschrieben (wovor Schmidt als redlicher Realist sich in "Zettels Traum" programmatisch gehütet haben will). These 4: Eine Übersetzung des Werks ins Deutsche – oder besser: eine "erste Näherung in deutscher Sprache" – wäre möglich, müßte aber möglichst bald geschehen, weil viele zeitgebundene Anspielungen sonst nie mehr verständlich sein werden.

Übergehen wir Thesen 1 und 2 (sie stimmen wohl, cum grano salis, wenn auch der von Schmidt geprägte Begriff "Etym" nicht ganz glücklich ist, weil zu nahe am Terminus "Etymologie", mit dem er nichts zu tun hat); warten wir, was These 3 betrifft, auf "Zettels Traum"; bleiben wir aber einen Moment bei These 4. Sie ist die beste und zugleich die betrüblichste. Denn Schmidt legt in dem Titelessay "Der Triton mit dem Sonnenschirm" (das schnurrige Tier ist "Shem the punman himself" alias James Joyce) zwölf Seiten seines eigenen Übersetzungsversuchs einiger Partien aus "Finnegans Wake" vor, dem deutschen Leser zur Freude, dem mit Joyce Vertrauten zum Beleg dessen, daß Schmidt in der Tat der geeignete Wort-Kobold gewesen wäre, uns Deutschen mit einer Übersetzung des ganzen Buches eine Ahnung von "Finnegans Wake" zu verschaffen. Gewesen wäre – denn vor einigen Jahren bot Schmidt fünf deutschen Verlegern an, eine Modellübersetzung von "Finnegans Wake" zu liefern. Schmidt war bereit, sechs Jahre Arbeit zu investieren und sich mit einer Bezahlung zu begnügen, die man nur als Trinkgeld bezeichnen kann. Die Verleger lehnten ab. Wie sie das dereinst vor dem Jüngsten Gericht der Weltliteratur verantworten wollen, das weiß der Teufel. Was uns da entgangen ist, möge der Leser an Hand der wenigen Seiten Schmidtscher Übersetzung selbst beurteilen. Der Einwand, es wäre dann nicht Joyce, sondern Joyce & Schmidt herausgekommen, zieht nicht: Eine Übersetzung von "Finnegans Wake", falls man sie je vornehmen wird, muß immer eine subjektiv gefärbte Übersetzung sein, und die Schmidtsche Subjektivität wäre in diesem Fall die schlechteste nicht gewesen. So viel zu Joyce und einer versäumten Gelegenheit, ihn in Deutschland heimischer zu machen; wer wissen will, wie Schmidt sich anderen Partien des Buchs nähern wollte, der lese die "kaleidoskopischen Kollidiereskapaden", den "Versuch, das konfuse Buch konsequent im realistisch-autobiographischen Sinne zu lesen".