Von Theo Sommer

Washington, im Oktober

Beginnt jetzt jene "Ära der Verhandlungen", die Richard Nixon bei seinem Amtsantritt an den Horizont malte?

Amerikaner und Sowjets haben sich nach monatelanger Unentschlossenheit – erst in Washington, dann in Moskau – in der vergangenen Woche geeinigt, am 17. November in Helsinki Vorgespräche über eine Begrenzung der strategischen Waffen aufzunehmen. Das Kürzel SALT (Strategie Arms Limitation Talks), das seit einiger Zeit durch die Kanzleien geistert, erhält damit endlich einen greifbaren, schilderbaren, photographierbaren diplomatischen Hintergrund. Zum ersten Male seit 1945 steht in der finnischen Hauptstadt das tragende Element der bisherigen weltpolitischen Stabilität zur Diskussion: das zentrale nuklear-strategische Gleichgewicht zwischen den beiden Supermächten.

Ein schwierigerer Verhandlungsgegenstand läßt sich kaum denken. Es verwundert denn auch nicht, daß in Washington keinerlei Euphorie herrscht. Seit den Tagen Lyndon Johnsons hat sich die Stimmung gewandelt. Damals war das Weiße Haus so begierig auf die Eröffnung der SALT-Verhandlungen, vorzugsweise mit dem Paukenschlag eines Gipfeltreffens, daß es sich nicht einmal durch die sowjetische Intervention in der Tschechoslowakei vom Verfolg des Zweiergesprächs abhalten lassen wollte. In Nixons Washington hingegen herrscht ein sehr skeptischer Geist vor. Dem neuen Präsidenten liegt weniger an einem spektakulären Moskau-Besuch als an nüchterner, methodischer Vorbereitung. Eine gründliche Überprüfung der ganzen Frage hat der Administration vor Augen geführt, daß die Komplexität des Unterfangens größer ist als die Chance des Gelingens.

Die Amerikaner richten sich deshalb auf ein zähes und langes diplomatisches Ringen ein. Sie erinnern daran, daß die Verhandlungen über den Atomtestbann fünf Jahre dauerten, die über den Sperrvertrag sechs; es würde sie sehr überraschen, wenn die SALT-Verhandlungen in weniger als drei oder vier Jahren zu einem vertraglich festgelegten Ergebnis führen sollten. In Helsinki wird es zunächst nur darum gehen, das "Problem zu strukturieren", wie Nixons Berater sich ausdrücken – das heißt: herauszufinden, worüber man überhaupt reden und später vielleicht sich einigen könnte.

Diese skeptische Annäherung an die Gespräche erklärt, weshalb die Amerikaner vorerst auch noch nicht daran denken, einen Vertragsentwurf als Diskussionsgrundlage auf den Tisch zu legen. In der vorigen Woche, als Botschafter Dobrynin schon die sowjetische Zustimmung zum baldigen Gesprächsbeginn signalisiert hatte, gab es noch nicht einmal eine fertige Eröffnungserklärung. Offenbar hatten sich die verschiedenen Bürokratien Washingtons noch nicht über eine gemeinsame Linie verständigen können. Wohl stimmen sie in ihrer Motivierung der SALT-Verhandlungen überein; welcher konkrete Richtpunkt jedoch angepeilt werden soll, ist zwischen ihnen noch immer umstritten. Das amerikanische Verhandlungsziel soll je nach den Absichten fixiert werden, welche die Sowjets bei den Vorgesprächen zu erkennen geben.