Von Thomas v. Randow

Wer sich eine Suppe aus der Tüte, aus einem Suppenwürfel oder einer Konservenbüchse kocht, wer Geflügelpasteten, Gulasch, Irish Stev oder andere Fertiggerichte aus der Dose verspeist, wer sich sein Essen mit würzigem Pulver zur Geschmacksverbesserung bestreut, der nimmt dabei in den allermeisten Fällen Natriumglutamat zu sich, einen Stoff, der erstmals zu Beginn dieses Jahres in den Verdacht geriet, schwere irreversible Schäden im Gehirn verursachen zu können.

Natriumglutamat (chemische Formel: HOOC CH [NH 2] CH 2 CH 2 COONa) wird seit Jahrhunderten in der chinesischen Küche verwendet und seit Jahrzehnten in stark zunehmendem Maße unzähligen Produkten der deutschen Nahrungsmittelindustrie zugesetzt. Denn dieses weiße Pulver hat die merkwürdige Eigenschaf:, den Geschmack so verschiedener Dinge wie Tomaten, Fisch, Fleisch, Pilze, Spargel, Kartoffeln, Geflügel oder Spinat zu verstärken. Es hebt unterschwellige Würze in den Geschmacksbereich; so kann man mit Natriumglutamat einen verwässerten Hühnerbrühe-Aufguß in eine leckere Suppe verwandeln. Warum die aus Rübenzuckermelasse oder Gluten von Weizen, Mais und Soja gewonnene Substanz solches vermag, weiß niemand genau; vermutlich sensibilisiert sie die Mundpapillen, mit denen wir schmecken.

Lange schon, ehe Mutmaßungen über eine mögliche hirnschädigende Wirkung des Glutamat laut wurden, war der Stoff für unangenehme Nebenwirkungen notorisch, eine Begleiterscheinung, die manchem Wissenschaftler ein ungutes Gefühl vermittelte, das sogenannte "China-Restaurant-Syndrom". Manche Leute haben darunter nach Mahlzeiten in chinesischen Gaststä:ten zu leiden, vor allem nach dem Genuß der köstlichen Suppen, denen das von chinesischen Köchen ohnehin reichlich verwendete Natriumglutamat in besonders großer Menge beigemischt wird. Die Symptome: Sodbrennen, Spannungsgefühl im Gesicht, Schmerzen in der Brust und gelegentlich Schwindel.

Wenn Erwachsene unter solchen Folgen küchenüblicher Glutamatbeimischung leiden, dann versteht es sich von selbst, so möchte man meinen, daß dieser Geschmacks Verstärker von Säuglingen ferngehalten wird. Dem aber ist nicht so. Vielmehr wurde bis vor ein paar Tagen Natriumglutamat in der Bundesrepublik von den meisten Herstellern diätetischer Lebensmittel ausgerechnet der Babynahrung zugefügt, und das nicht etwa, damit die Eßlust des Babys angeregt wird. Nein, dieser chemische Zusatz dient einzig dem Zweck, das Produkt der kostenden Mutter schmackhaft zu machen. Baby food – man bedient sich in der Branche gern der englischen Bezeichnung – ist nun einmal ein hartes Konkurrenzgeschäft. Ob manches kleinstkindliche Unbehagen ein China-Restaurant-Syndrom ist – wer kann es wissen?

Unbehaglich schien dies alles Dr. Herbert Schaumburg vom Massachusetts General Hospital in Boston, der sowohl die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde als auch die Babykosthersteller seit zehn Monaten unermüdlich zu überzeugen versucht, den "absolut unnötigen Nahrungszusatz" wenigstens aus den Säuglings- und Kleinstkinderbreis zu verbannen. Im März dieses Jahres erhielt der amerikanische Gelehrte massive Schützenhilfe. Professor John W. Olney, Psychiater an der Washington University in St. Louis, hatte neugeborenen Mäusen Natriumglutamat eingespritzt und beobachtet, daß daraufhin an verschiedenen Stellen im Gehirn dieser Tiere Nervenzellen verödeten. Diesen alarmierenden Befund veröffentlichte der Forscher in der Wissenschaftszeitschrift Science (11. März 1969). Staat und Öffentlichkeit nahmen davon freilich ebensowenig Notiz wie die Nahrungsmittelindustrie. Menschen spritzen sich schließlich Natriumglutamat nicht ein, sondern verspeisen es nur.

Anfang voriger Woche veröffentlichte Dr. Olney wiederum in Science einen zweiten Bericht über Tierexperimente mit Natriumglutamat, und diesmal fand seine Publikation weltweite Beachtung. Olney hatte Hirnschäden nach Glutamatinjektion jetzt auch bei neugeborenen Affen beobachtet. Mehr noch: In bislang allerdings noch unveröffentlichten Experimenten an Mäusen konnte er den Nervenzellen zerstörenden Effekt des Natriumglutamats auch in solchen Fällen nachweisen, in denen er den Stoff an die Tiere verfüttert hatte, also nicht nur nach Einspritzungen.