Der Konflikt zwischen Traditionalismus und Modernität in der Bundeswehr ist eine Tatsache. Bei dem Streit um die „Innere Führung“ hat sich im Laufe dieses Jahres gezeigt, daß Versuche im Gange sind – nicht selten mit der Forderung nach mehr Effektivität getarnt jenes im Sinne der Definition Gerhard Ritters nationalistisch-militaristische Weltbild zu restaurieren, das Armee und Staat schon zweimal in politische, moralische und militärische Katastrophen geführt hat. Eben deshalb muß aber um der Gerechtigkeit und um des richtigen politischen Urteils willen eines festgestellt werden: Die offizielle oder offiziöse neue Literatur zur Geschichte der deutschen Armee im 20. Jahrhundert ist von solchen Restaurationstendenzen frei.

Diese Literatur hat nicht allein Profil und wissenschaftliches Prestige gewonnen, sondern einen Prozeß der historisch-politischen Rechenschaftslegung eingeleitet, wie ihn mit solch schonungsloser Aufrichtigkeit und mit einem solch totalen Verzicht auf Apologetik bisher kaum eine andere vergleichbare Institution unserer Gesellschaft wagte. So publizierte das Militärgeschichtliche Forschungsamt Klaus-Jürgen Müllers glänzende Studie über „Das Heer und Hitler(siehe unten die Rezension des Holländers Ger van Roon), eine bruchlose Fortsetzung der überaus kritischen Arbeit des Engländers Francis L. Carstens über Reichswehr und Weimarer Republik. Fast gleichzeitig erschien in der Reihe „Truppe und Verwaltung“ (herausgegeben von Bundeswehr-General a. D. Graf Kielmannsegg und Dr. Albert Klas, dem Präsidenten des Bundeswehrverwaltungsamtes) ein Werk über die Wehrmacht im nationalsozialistischen Staat, das im gleichen Geiste geschrieben ist und zu den wichtigsten zeitgeschichtlichen Veröffentlichungen der letzten Jahre gerechnet werden muß:

Manfred Messerschmidt: „Die Wehrmacht im NS-Staat. Zeit der Indoktrination“; R. v. Decker’s Verlag, Hamburg 1969; 519 Seiten, 38,50 DM.

Anders als Müller, der die unmittelbar politischen Beziehungen zwischen Hitler, Wehrmachtführung und Heeresleitung aufhellen wollte, beschäftigte sich Messerschmidt erstmals mit der inneren Verfassung der Wehrmacht. Er stellte Fragen nach den politischenMaximen, die sich die Wehrmacht selbst gegeben oder die ihre Führung in der Truppe durchzusetzen versucht hatte; er wollte herausfinden, ob und in welchem Maße diese Maximen die Integration der Wehrmacht in den Staat Hitlers gefördert haben – in der richtigen Erkenntnis, daß im Staate Hitlers der Grad jener Integration über den politischen Handlungsspielraum der führenden Militärs entschied und ihr Verhältnis zu den politischen Organisationen wie zur politischen Leitung des Dritten Reiches praktisch determinierte.

Die Antworten, die Messerschmidt gibt, sind ebenso überzeugend wie erschütternd: Die Reichswehr hat bereits 1933 eine antiliberale und antiparlamentarische Haltung kultiviert, die ihr den Aufbau des Führerstaates, mit allen Konsequenzen für die innere Freiheit der Nation, zur Erfüllung der eigenen Staatsvorstellung machte, ja, mehr noch: sie hat ein pures, nur noch am Prinzip des nationalen Machtstaates orientiertes Effektivitätsdenken gepflegt, das einen breiteren Widerstand gegen die Rezeption der biologistischen, antisemitischen und sonstigen pseudo-ideologischen Theoreme des Nationalsozialismus ausschloß.

Die Geschichte der „Inneren Führung“ der Wehrmacht, wie sie Messerschmidt exakt beobachtet und exakt darlegt, wird mithin schon für die Jahre 1933 bis 1938 zur Analyse eines Degenerationsprozesses. Am Anfang stand das politische Bündnis der Armee mit Hitler (es war zugleich der wichtigste Teil in der Allianz des konservativen Establishments mit der revolutionären Bewegung des „Führers“); dann folgte eben jene Rezeption der nationalsozialistischen Lehre, und am Ende war die Armee vollständig in den nationalsozialistischen Staat integriert. Messerschmidt liefert dafür eine wahrlich erdrückende Menge an Beweisen:

die eilfertige und von Hitler noch gar nicht verlangte Übernahme des Arierparagraphen; die bewußt falschen Angaben über die Zahl der im Ersten Weltkrieg gefallenen Deutschen jüdischer Herkunft, wodurch die Reichswehr die antisemitische Propaganda des Regimes unterstützte; die bereitwillige Unterwerfung der gesamten militärpolitischen Publizistik aus der Feder von Offizieren unter die Zensur der Partei; eine Verfügung des Reichskriegsministers, die vorschrieb, politisch unzuverlässige Soldaten nach ihrer Entlassung aus der Armee der Gestapo zu melden; die Flut der keineswegs von außen angeregten Befehle zur intensiven nationalsozialistischen Schulung an der Kriegsakademie, an den Kriegsschulen und in der Truppe; vor allem auch die Schnelligkeit, mit der sich die systematische Pflege der Wehrgesinnung des Volkes zur ungehemmten Propaganda für eine mitnichten defensive Kriegs- und Eroberungsideologie wandelte – dies sind nur besonders bezeichnende, wenn auch manchen Leser vielleicht überraschende Einzelzüge einer Entwicklung, die aus der äußerlich so selbstbewußten Reichswehr von 1933 die gehorsame Angriffsarmee Hitlers von 1939 machte.