Von Michael Jungblut

Der Empfang stimmt erst einmal mißtrauisch. Der Sicherheitsbeamte an der Paßkontrollstelle des Flughafens Bukarest läßt den Ausweis in seiner Kabine verschwinden und blättert ihn mit geübten Fingern und ohne genau hinzusehen hinter dem Tresen Seite für Seite durch. Vermutlich wird er von vorn bis hinten photokopiert.

– Doch schon die anschließende Zollkontrolle wird mit leichter Hand erledigt. Die Beamten verlangen lediglich eine Deklaration, ob Gold und Edelsteine eingeführt werden. Die Koffer bleiben ungeöffnet. Hat man einmal diese beiden Hürden hinter sich gelassen, kann man sich als Besucher aus dem Westen im ganzen Lande frei bewegen und findet Gesprächspartner, die keineswegs mehr, wie früher, jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Wer dann auf der Fahrt ins Stadtinnere nach Spruchbändern und Plakaten sucht, die die Bevölkerung zum Aufbau des Sozialismus ermuntern, wird enttäuscht. Lediglich in der Provinz läßt man auf den Dächern der Verwaltungsgebäude großer Betriebe hin und wieder noch in großen Leuchtbuchstaben die Partei oder die Republik hochleben und verzichtet dafür darauf, dem Besucher schon von weitem den Namen der Produktionsstätte zu signalisieren. Bilder von Nicolae Ceausescu, dem populären Führer von Staat und Partei, oder anderen Politikern sucht man ebenfalls vergeblich. Sie schmücken weder in Fabriken noch in Amtsstuben, weder in den Räumen von Werksdirektoren und Bürgermeistern noch in den Residenzen der Minister die Wände. Alle diese Attribute eines spießigen Sozialismus, wie sie sich der Bevölkerung etwa in – der DDR immer noch aufdrängen, gehören in Rumänien längst der Vergangenheit an.

„Weg von der Vergangenheit“, lautet die Parole in allen Lebensbereichen. Als wichtigste Form der Vergangenheitsbewältigung betrachten die Rumänen den Versuch, ihr Land in einen modernen Industriestaat zu verwandeln. „Stellen Sie bitte keine Vergleiche mit der Bundesrepublik an. Denken Sie immer daran, wie es hier noch vor zwanzig Jahren ausgesehen hat.“

Die Rumänen wissen, daß sie dem Wohlstand und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der älteren Industrieländer noch wenig entgegenzusetzen haben. Aber sie sind auch stolz auf das, was seit Ende des Zweiten Weltkrieges geleistet worden ist. Das Land zwischen Donau und Prut ist allen ökonomischen und politischen Widerständen zum Trotz auf dem beschwerlichen Weg vom Agrarland zum Industriestaat ein gutes Stück vorangekommen. Waren 1950 noch drei von vier Arbeitskräften in der Landwirtschaft beschäftigt, so arbeitet heute nur noch jeder zweite Rumäne auf dem Lande.

Welcher Anstrengungen es bedarf, um dieses traditionelle Agrarland, (das es nach dem Willen der Sowjets innerhalb des COMECON auch bleiben sollte) zu industrialisieren, erlebt man besonders eindringlich in der weiten Ebene zwischen Bukarest und der Stahlstadt Galati. Die Häuser in den malerischen Dörfern werden heute wie seit Jahrhunderten aus Lehm gebaut. Im Sommer bereiten die Bauersfrauen im Hof auf offener Feuerstelle mit Maisstroh die Mahlzeiten.