Von Kilian Gassner

München

Als sich – ein geradezu faszinierendes Bild – der Menschenstrom die breite Ludwigstraße herauf dem Odeonsplatz näherte, meinte ein Zuschauer ironisch: „Da sieht man, was der Huber alles auf die Beine bringt.“ Voraus Lautsprecherwagen und Luftballons, über den Köpfen ein wogender Wald von Transparenten, Sprechchöre und Spottverse, Kuhglockengeläut und schrille Pfiffe. Am Rande des Umzugs wurden Flugblätter verteilt, an sympathisierende und verständnislose Passanten und auch an die Bereitschaftspolizisten, die, Mann neben Mann, das an der Ludwigstraße liegende Finanzministerium des Freistaats Bayern abschirmten.

Die Demonstranten zogen durch die Stadt, neun Kilometer wanderten sie. Am Freitag vergangener Woche wurde der „Anti-Huber-Tag“ begangen. Über 8000 Studenten und Gymnasiasten demonstrierten in München, etliche weitere Tausend in Nürnberg und Augsburg. In der Landeshauptstadt waren tausend Polizisten im Einsatz, die Wasserwerfer standen bereit. Aber es traf nur versehentlich einen Lederjacken-„Bullen“ ein faules Ei. Er nahm’s ohne Zorn hin. Der Mann, dem dieses Zeichen des Mißfallens gegolten hätte und dessen von Sperrgittern geschütztes Ministerium minutenlang von einem Pfeifkonzert umgeben war, nahm zu dieser Stunde an der Eröffnung eines Gymnasiums in Kelheim an der Donau teil.

Zehntausende junger Leute brüllten sich in den letzten Tagen, Wochen, Monaten heiser. Seit einem Jahr schallt’s staccato: „Hu-Hu-Huber weg.“ Kultusminister Dr. Ludwig Huber ist Bayerns Buhmann. Am „Anti-Huber-Tag“ erreichten die Demonstrationen einen vorläufigen Höhepunkt. Den Anstoß dazu hatten diesmal die Ingenieurstudenten gegeben, denen man bisher bescheinigte, sie seien die ruhigsten und besonnensten. Der Regierungsentwurf für ein neues Fachhochschulgesetz, das zur Zeit im Landtag beraten wird, trieb nun jedoch auch sie auf die Straße. Und die AStA der TH, der Wirtschaftsfachschule, der Staatsbauschule, Gymnasiasten und Lehrlinge „solidarisierten“ sich mit den Ingenieurstudenten.

Nur die Studentenvertretung der Pädagogischen Hochschule Augsburg distanzierte sich von den Initiatoren des „Anti-Huber-Tags“. Aus ihrer Begründung sprechen psychologische Erkenntnisse und Resignation: der „noch amtierende“ Kultusminister erfahre durch die Aktion nur eine Aufwertung. Außerdem könne selbst mit einem Rücktritt Hubers die Bildungsmisere nicht behoben werden, da der bürokratische Apparat des Ministeriums voller „kleiner Huber“ stecke. Dementsprechend sind freilich die Demonstranten in ihren Aufklärungsschriften und megaphonverstärkten Sprechchören längst dazu übergegangen, für die schlechte Bildungspolitik in Bayern nicht nur den Minister Huber allein verantwortlich zu machen, sondern mit ihm die Ministerialbürokratie und die bayerische Mehrheitspartei, die Christlich-Soziale Union.

Wäre Huber nur Kultusminister, hätte er wahrscheinlich längst seinen Stuhl räumen müssen. Denn der Ärgernisse mit fast allen „Reformwerken“ aus seinem Ministerium waren zu viele; der pädagogische Fortschritt sollte nach Hubers Konzeption an den weiß-blauen Grenzpfählen aufgehalten werden. Die simplen Spruchbänder der jungen Demonstranten sagen es: „Ein dummes Volk regiert man leicht, die CSU hat’s fast erreicht.“