Von Sepp Binder

Hamm, im November

Die Farbe verhieß Opposition. Von der Bühne leuchteten rote Begonien, Züchtung Schwabenland, aus zwanzig Töpfen. Und Egon Alfred Klepsch, mit vierzig Jahren als Bundesvorsitzender und saturierte Symbolfigur der Jungen Union abgelöst, flunkerte schon am Vorabend des „Deutschlandtages“ in Hamm: „Ich werde die rotgekleideten Hostessen mit Ho-Chi-Minh-Rufen auf die Bühne jagen.“

Die jungen Christlichen Demokraten probten den Aufstand. Habitus und Handwerkszeug der APO aber paßten schlecht zu Würde, Weste und dunklem Kammgarngrau über dem Embonpoint. Ein Landesvorsitzender resümierte: „Wir hatten bisher ein ebenso tantenhaft schlechtes Image bei der jungen Generation wie die CDU/CSU, Wir stehen keinen Deut günstiger da. Uhrkette, Zigarre, Hut, Frau und fünf Kinder – machen wir uns nicht besser als wir sind.“ Einige christlichdemokratische Junioren hattensich bereits vorsorglich das Haar in die Stirn gekämmt – zum Zeichen politischer Verwegenheit; und aus der schleswig-holsteinischen Gruppe kam ein einsam kühner,aber doch geduldeter Verstoß gegen die traditionelle Etikette: ein Delegierter trug Pullover.

Zur Jahresfeier präsentierte Geschäftsführer Dumann eine Liste mit stolzen, aber abnehmenden Erfolgen. Der Sprung ins politische Altenteil ist für die CDU-Jünger im vergangenen Jahr schwerer geworden. Statt 74 Vertretern der Jungen Union sitzen nur noch 65 in den Landtagen, 1313 statt 1636 in den Kreistagen, drei statt fünf als Minister in den Landesregierungen, vierzehn statt siebzehn sind Landräte, nur noch 244 statt 273 Bürgermeister. Die Jung-CDU sieht ihre sorgsam zurechtgefeilte Karriere bedroht. Die Erfolgsleiter lehnt zwar noch am Haus der Unionsparteien, die Sprossen aber sind brüchig, und das Fensterln bei der geliebten Macht ist schwieriger geworden.

Sechs Wochen nach der Bundestagswahl übte sich die Junge Union in der ungewohnten Rolle als Opposition in der Opposition. Ein Gastdelegierter wagte gleich zu Beginn der Tagung eine schneidige Attacke gegen Egon Klepsch. Plötzlich sah sich „Freund Egon“, der gerade über Demokratie im allgemeinen und über die harte Arbeit einer Oppositionspartei im besonderen dozierte, lautstark ermahnt: Er soll seinen Rechenschaftsbericht, aber bitte keine Vorträge halten. Der Versuch, vom Podium herab die Debatte zu steuern, schlug fehl. Die Delegierten erstritten für alle Anwesenden Rederecht. Und die Sprache zeigte, wo man sie ausgeliehen hatte. Von „Manipulationen und autoritärem Verhalten des Bundesvorstandes“ war die Rede, von „Basisarbeit“ und von „Problemen, die verschleiert werden“.

Auf einmal fühlte man sich stark. Pfui-Rufe fielen im Hammer Kurhaus, als der Name Bruno Heck erwähnt wurde. Und als Josef Hermann Dufhues in seinem Gruß wort die notwendige Neuorientierung der CDU gegenüber Intelligenz und öffentlicher Meinung durch den Zwang der „schweren Lage“ veranschaulichte („Ein Minister a. D. hat keinen Pressereferenten mehr“), weinten viele Jungveteranen ironisch im Chor.