ARD, Freitag, 7. November: „Eine Geburt“

Seit Jahr und Tag wurde in dieser Kolumne betont, wie wichtig es sei, mit Hilfe von Fernsehdokumentationen hinter menschlichen Aktionen menschliche Gedanken sichtbar zu machen und am Beispiel von Sprache und Gestik den Denkprozeß des Politikers A., des Laboranten B., der Lehrerin C., des Schülers D. zu analysieren. Unter solchen Zeichen sah ich der Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks Notizen vom Nachbarn mit einiger Spannung entgegen: Durfte man nicht hoffen, minuziöse Beschreibungen einer Hochzeit, einer Geburt, einer Tanzstunde, einer Operation – Berichte über Besonderheiten des Alltags also – könnten den nicht oft genug zu zitierenden Büchnerschen Satz widerlegen, daß wir wenig von uns wüßten und, um uns kennenzulernen, einander die Schädeldecken aufbrechen müßten?

Sehr viel Hoffnung, sehr viel Enttäuschung. Verfolgt von den Kameramännern, reagieren die Menschen wie Sprechautomaten, geben Erwartetes wieder, sagen, was man halt so sagt in der gegebenen Situation, mimen Natürlichkeit, markieren eine Wunschfigur, die sich nicht um Kabel und Kameras schert (und dem einen oder der anderen, dem Standesbeamten oder der Photographin gelingt’s auch), tun selbstverständlich, spielen aber ihren Part. Nun, warum nicht?

Das alles könnte überzeugend, könnte ein Prinzip der Darstellung sein, wenn sich die Autoren der Sendung entschlössen, ihre Auswahl- und Deutungsgrundsätze diskutieren zu lassen und als gestellt auszugeben, was dem schlichten Betrachter als ein so und nicht anders, ein Angebot der Wirklichkeit erscheinen könnte, das nun einmal so sei. Ich meine, es wäre besser gewesen, die Verfasser hätten ihre Karten offen auf den Tisch gelegt und dem Zuschauer erläutert, warum sie gerade die Frau B. und nicht die Frau A. ausgesucht, den Herrn C. beiseite gelassen, die Konstellation X. – Arzt plus Taxifahrer und Kranführer – gegenüber einer anderen Konstellation vorgezogen hätten. Statt eine vermeintliche Wirklichkeit vorzuspiegeln, wäre es darauf angekommen, hinter dem einen ausgewählten (und als ausgewählt deklarierten) Fall die Fülle der Möglichkeiten sichtbar zu machen, Ausblicke und Verweise zu geben, Dialektik mit ins Spiel zu bringen und immer wieder, gut brechtisch, die eigenen Arbeitsprinzipien ins Bewußtsein zu rücken!

Zufälliges muß Zufälliges bleiben. Subjektivität hat sich zu erkennen zu geben – nicht nur in der Kameraführung, sondern auch im Kommentar. Es genügt nicht, einige mehr oder weniger eng an einer Entbindung beteiligte Personen in ihrer familiären Idylle vorzuführen, die Patientin bei den Preßwehen ein paarmal exemplarisch stöhnen, den Arzt einige Stiche machen zu lassen und das Ganze Eine Geburt zu etikettieren. Was ging da voraus? Weshalb entschloß sich die Frau, ungeachtet der bedenklichen Vorgeschichte, zur Hausgeburt? Was sagte ihr Arzt dazu? Und was dachte, beim Durchtritt des Kopfes, der Mann? (Standphoto, eine Frage des Autors, eine Antwort des Mannes, der Prozeß gewinnt Plastizität.)

Und schließlich, kann man eine Geburt schildern, ohne zu zeigen, wie sie geschieht? Entweder nur das Drumherum (das Zentrum selbst bleibt ausgespart, man sieht die Gebärende nicht) oder aber das Ganze, unerbittlich und exakt, aber auf keinen Fall eine Halbheit: Die Frau jammert, und irgendwo da unten geschieht das Unaussprechliche, das Tabu bleiben muß. Mehr Mut, mehr Konsequenz, mehr Licht, ihr Autoren!

Momos