Von Alexander Rost

Vor 25 Jahren, am 12. November 1944, wurde die „Tirpitz“ vernichtet Sie war das letzte und größte Schlachtschiff der Deutschen. Und der Untergang jener gewaltigsten Kriegsmaschine, die man je in Deutschland gebaut hatte, war mehr als nur Episode. Er war das Ende eines Traums von Seemacht.

Schwarz braun war die Wolke. Sie schoß spitz aus dem Schiff heraus und quoll in derselben Sekunde pilzig auf. In dieser Wolke flog Turm „Cäsar“ über Bord: zwei Schnelladekanonen vom Kaliber 38 Zentimeter, ein Basisgerät zum Entfernungsmessen, drei Dutzend Mann. Ein paar hundert Tonnen Panzerstahl, unter deren Last die stärksten Werftkräne der Welt geächzt hatten, wurden über Bord gefegt, als wische man ein Blatt Papier vom Schreibtisch.

Auf der Brücke des Geleitminenräumbootes „R 311“ kommentierte der Kommandant: „Das ist ihr letzter Schuß.“ Und das „u“ klang wie „i“. Im Kraftausdruck lag keine Wut. Eine sachliche Feststellung war’s. Die „Tirpitz“, letztes und größtes deutsches Schlachtschiff, gab ihren Ungeist auf.

Erinnerung: Nun ja, solchen Kernsatz vergißt man nicht. Onkel Paul stand in der Steuerbord-, du standst in der Backbordnock; und Jack Eine den man nicht Hans Schön nennen mochte, weil er so amerikanisch-jazz-kennerisch wirkte, und der als hanseatischer Geschäftsmann heute Anteile an einem Luxusdampfer besitzt, stand immer richtig. Das heißt: es gab keinen Sektor am blaßblauen Frühwinterhimmel, den wir nicht im Blick und im Zeiss-Glas hatten. „Zuerst sehen, zuerst schießen, zuerst treffen, meine Herren, das ist alles!“ Das war die Formel des Seesieges, die uns der Taktiklehrer an der Marineschule gelehrt hatte. Er war ein alter Herr, gerettet nach der Schlacht bei den Falklandinseln, 1914, ein ergrauter Kapitän mit heller Majorsstimme: „Meine Herren, meine Jungs, eure beste Waffe ist das Auge...“ Wir starrten durch Polaroidbrillen in Richtung Sonne. Von dort flogen sie an Zehn funfzehn, zwanzig“, zählten die Ausguckposten: „Boston? Nein, Lancaster!“ In Lossiemouth in Schottland waren einunddreißig Maschinen dieses Typs an den Start gerollt. Sieben, überlastet und mit vereisten Tragflächen, kamen trotz Vollgas auf die vier Motoren nicht vom Boden los. Die anderen kurvten nun heran. Anflughöhe: mehr als viertausend Meter.

Erinnerung: Tromsö, die Stadt im Teer- und Trangeruch, galt als „Paris des Nordens“, weil man nach Monaten im Eismeer dort einigen gummibestiefelten, pelzvermummten Mädchen begegnen konnte. Und ein Denkmal steht da; ein grimmig-wikingerhafter Mann blickt gen Norden: Amundsen, der als erster am Südpol war und der verschollen ist, seit er im Flugboot nach dem vermißt geglaubten General Nobile, dem italienischen Nordpol-Luftschiffahrer, gesucht hatte.

Tromsö, 12. November 1944. Drei Meilen vor dem Hafen lag an einer, flachen Insel, wie auf einem Präsentierteller, das Schlachtschiff „Tirpitz“. Ihr Erster Offizier hatte „Dienstbeginn nach Plan“ befohlen. Der Plan wurde – wortwörtlich – mitsamt der „Tirpitz“ umgeworfen.