Von Horst Krüger

Dies ist nun ein denkwürdiger und kritischer Augenblick für alle, die man hierzulande, etwas verächtlich und etwas nachsichtig, die Intellektuellen, die literarische Opposition nennt: machtlos und klug, manchmal etwas übertrieben; hysterisch, sagt man.

Daß da in der Geschichte der Bundesrepublik ein neues Kapitel begann, das konnte man schon in der Wahlnacht zu vorgerückter Stunde spüren: in der Art, wie Willy Brandt auftrat, selbstbewußter, sicherer, entschlossener, vielleicht um eine Nuance zu entschlossen. Aber wer von uns begriff eigentlich schon in jener Stunde, daß damit auch für uns ein Stück, eine Szene, eine Rolle zu Ende gehen würde, in die wir gut eintrainiert wären seit zwanzig Jahren?

Das Stück, die Rolle hieß: Nein, ein zähes Nein mit. vielen kleinen Verweigerungen. Deutsche Restauration: CDU-Staat – das wollten wir nicht, das sollte nicht sein, und davon lebten wir auch ein bißchen, als literarische Opposition.

Da haben wir also zwanzig Jahre lang mit dem Zorn, dem Scharfsinn, der Erbitterung deutschen Gewissens, das gut, aber machtlos war, gegen Bonn gekämpft, nebenberuflich sozusagen, aber doch hörbar manchmal.

Das Wort Bonn, wenn Böll oder Walser es aussprachen, klang immer wie ein Glockenschlag von Big Ben: düster, unheimlich drohend; es war eine Anklage – und nun gibt es dieses Bonn plötzlich nicht mehr, nicht mehr ganz so wie früher. Bonn hat jetzt einen neuen Klang. „Die in Bonn“ – wir hatten uns längst so schön daran gewöhnt, daß die in Bonn das Prinzip Stillstand verkörperten, gräßlich-konservative Verwesung der Macht, mit viel Wortschaum drumrum. Die Fronten waren so klar, die Positionen eindeutig, polemisch nicht unergiebig, und die Gesichter so unerhört überzeugend: von Lübke bis Kiesinger – und all die Affären, wie Gerstenmaier zu Fall kam, wie sie Erhard zur Strecke brachten, und was der greise Adenauer mit dem Posten des Bundespräsidenten anstellte ... vergangen, passé, Papierkorb. Damit ist nun also wirklich kein Staat mehr zu machen.

Das Wort „wir“ ist natürlich eine Übertreibung. Einige hat es nie interessiert, was in Bonn geschah, einige schwebten schon immer über den Wolken, und einige brachen in so viel Bonner Stillstand ungeduldig zu sehr großer Reise auf: nach Kuba, nach Vietnam oder doch wenigstens nach Bolivien. Und manche von ihnen sind niemals zurückgekommen. Sie blieben irgendwo draußen: schade um sie. Aber es ist doch wohl keine Übertreibung, wenn man sagt, daß die Mehrzahl der deutschen Intellektuellen – Schriftsteller, Professoren, Journalisten, Meinungsmacher in vielen Etagen und Rängen – diesen Machtwechsel wollte und daß einige darunter mit Günter Grass sehr handfest dafür stritten. Das muß man doch zuerst sagen: Wir wollten diese Veränderung.