Von Rudolf Braunburg

Auf den Wetterkarten, die der Pilot auf seinen Flügen nach Fernost, Südafrika, Nordamerika als freundliche Gabe der Flugwetterwarte erhält, herrschen Logik und Ordnung; Isobaren, Hochs und Tiefs, Tropopausenverläufe stehen stets so zueinander in Beziehung, daß nirgends ein Bruch entsteht, eine Lücke bleibt. Nichts erscheint fragwürdig, unerklärbar. Man fühlt sich an die Harmonie des alten achteckigen Turmes der Winde in Athen erinnert.

Fliegt der Pilot dann los, so kann er auf Wettererscheinungen stoßen, die sich keinesfalls mit Logik erklären lassen. Zwischen den Wetterkarten und dem Wetter, das man antrifft, besteht nicht mehr Ähnlichkeit als zwischen Wahlversprechen und Wirklichkeit. Dort, wo über tropischen Gebieten großzügig „No weather“ eingetragen steht, türmen sich womöglich Gewitter. Dort, wo vor Turbulenzen gewarnt wird, ist der Flug besonders ruhig.

Vorwegzunehmen ist: In sehr vielen Fällen stimmt die Flugwetterkarte mit der Wirklichkeit in der Stratosphäre brauchbar überein. Vorwegzunehmen ist auch: Selbst unter Fachleuten gehen die Meinungen über die Exaktheit der Flugmeteorologie weit auseinander. Schließlich macht jeder Pilot gewisse Erfahrungen unterschiedlicher Art, die teils so, teils so bewertet werden und aus denen sich allmählich eine bestimmte Meinung und Einstellung herauskristallisieren.

Folgendes kann passieren: Für einen bestimmten Streckenabschnitt, sagen wir über dem Sankt-Lorenz-Golf, ist schwere Turbulenz vorausgesagt worden. Spezielle Warnungen, sogenannte signets, werden auf kostspieligen und komplizierten Wegen sogar an bereits in der Luft befindliche, auf die turbulenzverdächtige Zone zufliegende Maschinen durchgegeben. Der Kapitän hat nun zwei Möglichkeiten. Er kann die Warnung ernst nehmen und unplanmäßige Umwege erbitten, die in den überfüllten Lufträumen oft schwer zu erlangen sind; oder er kann sie einfach negieren und munter weiterfliegen.

Wählt er den Umweg über ein ruhiges Gebiet, so kann es ihm passieren, daß Geschirr dutzendfach zu Bruch geht und die Stewardessen sich farbenprächtige Beulen holen, weil die Maschine von schweren Turbulenzen geschüttelt wird. Fliegt er gelassen in die Gefahrenzone hinein, vor der er gewarnt wurde, so erlebt er vielleicht den ruhigsten Flug seines Lebens. So unergründlich sind die Wege des Wetters und seiner Propheten.

Denn C.A.T. (Clear Air Turbulence), die als eindringlichste Wettererscheinung oft an Verwirbelungsgebieten von Jetstreams auftritt, kann zwar genau dort herrschen, wo sie hinterm Bürotisch vorausgesagt wurde – sie kann aber auch nicht. Meistens herrscht sie nicht dort.