Berlin

Wem nützt und wem schadet es, wenn fünfjährige Jungen Spaß daran finden, gleichaltrigen Mädchen die Höschen herunterzuziehen, um körperliche Unterschiede festzustellen? Dieser Vorgang löst eine gründliche Diskussion aus anläßlich eines Elternabends im Kindergarten. Eingeladen war zu Montag, halb acht abends. Ein normaler städtischer Kindergarten im ziemlich gut situierten Berlin-Zehlendorf, untergebracht in einer zweistöckigen Villa mit einem großen Garten.

„Heikle Kinderfragen“ ist das Thema des Abends, eine geladene Spezialistin soll referieren. Der Andrang ist groß. Fast hundert Eltern, mehr Mütter als Väter. Sie passen gar nicht alle in den einen großen Raum, den die Kindergärtnerinnen vorbereitet haben. Die Leiterin des Kindergartens freut sich über den Besuch und kündigt an, daß die Vorschulgruppen jeweils am Dienstag schwimmen gehen. Sie bittet um mit Namen gezeichnete Turnhosen für die Gymnastik. Die Eltern haben offenbar zwischen Arbeitsende und Veranstaltungsbeginn Zeit gefunden, sich fein zu machen. Kein Vater ohne Krawatte – Mütter nützen wohl ohnehin jede Gelegenheit, sich umzuziehen.

Die Referentin erscheint im Superminirock, mit schönen Haaren bis auf die Schulter. Sie trägt eine strenge Brille und ist etwa 25 Jahre alt. Sie beginnt: „Wir müssen uns von überholten Normen freimachen“, spricht etwa zwanzig Minuten lang und schließt mit: „Frühe sexuelle Aufklärung ist nötig.“ Sie läßt absichtlich viel Zeit für die Diskussion.

Die Leiterin vom Kindergarten erzählt von dem erweiterten Doktorspiel, bei dem ein paar Jungens immer wieder Mädchen von der Gürtellinie abwärts gewaltsam entblößten. Eine Mutter gibt die Erfahrungen mit ihren Kindern – Mädchen und Junge – preis: „Ich habe ihnen erlaubt, daß sie sich ganz genau gegenseitig untersuchen. Das haben sie gemacht. Und jetzt sind sie zufrieden.“ – „Aber eines der kleinen Mädchen ist besonders schüchtern“, gibt die Leiterin zu bedenken, „sie hat furchtbar darunter gelitten, sich so bestaunen zu lassen.“

Eine andere Mutter, dauergewelltes Haar, Dirndlkleid, meldet sich zu Wort: „Meine Tochter kommt einfach nicht darüber weg, daß sie da vorn nicht so was hat wie ihr Bruder.“ Nicht nur die Referentin kennt sich aus in der Psychologie. Eine Mutter von der gegenüberliegenden Tischreihe rät: „Erzählen Sie ihr doch von dem schönen Busen, den sie mal haben wird!“

Die neben ihr sitzende Mutter schließt sich mit einer Beobachtung an, die sie neulich im Kindergarten gemacht hat. Ein Junge zeigte im Waschraum stolz den Herumstehenden sein Geschlechtsmerkmal. Darauf ein etwa vierjähriges Mädchen geringschätzig: „Ph, kenn’ ich ja schon längst!“