Von Hellmuth Karasek

Eine einzige Szene lang ist das Stück wild, groß, von erschreckender Komik: Margarete, die Titelheldin, hat sich gerade buchstäblich zu Tode geärgert – auch, um das Freudenfest ihres Vaters zu stören. Jetzt beginnt ein grotesker Reigen mit der Leiche. Sie wird, noch im Tode sperrig und halsstarrig, hinter Tapeten verborgen, fällt Liebespaaren in ihre Schäferstündchen, muß sich wild im Tanz drehen, als jemand sie in den Armen hält und anderen verbergen möchte, daß sie tot ist. Sie landet schließlich in einem Futteral für einen Kontrabaß. Und es ist ihr nicht nur nicht gelungen, das Fest zu stören, sie muß vielmehr im Tode auch durch alle die provencalische Lustigkeit wandern und tanzen, sie muß an all dem teilhaben, was ihr im Leben den tiefsten Abscheu bereitete.

„Margarete in Aix“, die von Peter Hacks 1967 geschriebene Komödie, zeigt aus der heiteren Überlegenheit des Viel-Später, warum in Komödien kein Platz für tragische Figuren ist. Hacks hat sich seine Margarete aus dem wohl blutrünstigsten Stück der Weltliteratur, den Shakespearschen Königsdramen, ausgeliehen und läßt die Rosenkriegsgeschädigte am Hofe ihres kunstvernarrten Vaters René in der Provence angewidert auf das Troubadour- und Künstlertreiben blicken, mit dem dieses Reich Herbst des Mittelalters und Hinwurstelei auf Frankreichs progressiveren Absolutismus übt.

Das Stück kann frivol überlegen sein, weil man später auch über die Niederlage des burgundischen Eisenfressers Karl des Kühnen, dem Schweizer Mistgabeln ein schmähliches Ende bereiten, lächeln kann. Aber – und das ist wichtiger – seine überlegene Gelassenheit bezieht es wohl vor allem aus dem unerschütterlichen Glauben in die historische List der Vernunft: die setzt sich dann schon als das Notwendige durch – und was die Zeitgenossen aufregte und auch mit Blut belud, das läßt sich nachträglich leicht als bloße Arabeske, als bloßer Schnörkel darstellen. Die vorweggenommene „Wir-versaufen-unser-Omaihr-klein-Häuschen“-Haltung, die am Hofe Renés geübt wird und die hier feiner Minnesangwettstreit und Künstlerpflege heißt, könnte das sein, was bei Hacks schüchtern und schelmisch zugleich nach Parallelen aus ist: „Gönnt den Künstlern ihre Zweckfreiheit!“ scheint das Stück dann zu rufen, „auch wenn sie noch so parasitär auftreten, so spiegeln sie doch den Gang der Geschichte gerechter wider als jene die sich mit Feuer und Schwert gegen ihre Speichen stemmen.“

So ist die Komödie verspielt und gescheit, ihr lustiger Vorwand an Handlung meint so tun zu können, als wären nicht nur mittelalterliche Konflikte mit gelöster Heiterkeit zu bewältigen. Hacks geziertes Komödienräderwerk, das in Liebesszenen ungeniert bei Boccaccio Anleihen nehmen zu können glaubt, soll wohl auch dem Sozialismus jene distanzierte Lockerheit verschaffen, die man im Hinblick auf den unausweichlichen Gang der Geschichte haben kann und darf.

Und hieraus – man mag es einem „Reaktionär“ verzeihen – resultiert dann auch die Tatsache, daß „Margarete in Aix“ leichter zu interpretieren als zu konsumieren ist, daß dies ein Stück ist, das vor Gescheitheit kaum laufen kann und das vor Kunstfertigkeit ins Kunstgewerbe entschwebt.

Schon die Theatermittel, die es höhnt und parodiert, um sie sich mit schöner Selbstverständlichkeit einverleiben zu können, fallen auf die Komödie selbst zurück: das Stück tut alexandrinisch, ohne daß es ein alexandrinisches Zeitalter gäbe. Und so sind seine Späße wie die Pfauenfedern seiner Troubadours: Hacks muß sie erst mühsam geduldig aufstecken, um sich über sie lustig machen zu können.