Von Hans Krieger

Jeder Versuch, den Mißständen unserer Gesellschaft auf den Grund zu kommen, ist zum Scheitern verurteilt, wenn er nicht bis zu den seelischen Prozessen vordringt, in denen unsere Einstellungen sich bilden.“

Rechtens hat Alexander Mitscherlich für eine denkerische Arbeit, deren Intention sich in diesem Satz in der knappsten Formulierung darbietet, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Ohne Einsicht in die psychischen Mechanismen, aus denen die periodischen Ausbrüche kollektiver Vernichtungswut ihre Energien beziehen, gibt es für die Menschheit keine Hoffnung, ihrer blutigen Prähistorie zu entwachsen und ein reiferes Stadium rationaler Lenkung des historischen Prozesses zu erreichen.

Keiner hat dieses Problem mit größerer Dringlichkeit zur Diskussion gestellt als Mitscherlich. Die Frage bleibt zu stellen, wieweit wir es auch im Psychischen noch mit Gesellschaftlichem zu tun haben und wo es erlaubt ist, von „biologischer Gesetzlichkeit“ zu sprechen, die allem gesellschaftlichen Geschehen vorgegeben ist.

Diese Frage findet in den jüngsten Veröffentlichungen Mitscherlichs zum Problem der menschlichen Aggressivität keine befriedigende Antwort; die Tragweite ihrer Konsequenzen aber wird in seiner Schlußfolgerung, „die entscheidenden Übel“ rührten „nur sekundär von der Gesellschaft her“, hinreichend deutlich.

„Ist die menschliche Aggression unbefriedbar?“ fragt Mitscherlich im Untertitel eines von ihm herausgegebenen und mit Vor- und Nachwort versehenen Sammelwerkes, das in publizistischer Aufbereitung die Diskussionsbeiträge eines internationalen Analytikersymposions enthält –

„Bis hierher und nicht weiter – Ist die menschliche Aggression unbefriedbar?“, herausgegeben von Alexander Mitscherlich, mit Beiträgen von Alois M.Becker, Harold Lincke, Piet C. Kuiper, Alexander Mitscherlich, Paula Heimann, Helm Stierlin, Fritz C. Redlich, René A. Spitz, Tobias Brocher, Edith Buxbaum, Paul Parin, Fritz Morgenthaler und Hans Kunz; R. Piper & Co. Verlag, München; 280 S., 14,80 DM.