Von Günter Muncke

Drei Stunden lang hatte der Fahrer eines Ratkreuzwagens vergeblich versucht, telephonisch einen Arzt zu erreichen.“ Das meldete die Deutsche Presse-Agentur am 25. September 1969 aus Aschaffenburg. Mediziner schätzen, daß wahrscheinlich 20 Prozent aller Unfalltoten nur deshalb sterben, weil ihnen falsch oder zu spät geholfen wurde. Das System der Unfallrettung in Deutschland ist reformbedürftig.

  • Erste Hilfe am Unfallort: Es bestehen unter Fachleuten sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, ob Laien Erste Hilfe am Unfallort leisten sollen. Dr. Stöckel von der Bundesschule des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) forderte schon 1963, daß die ganze Bevölkerung Kenntnisse über lebensrettende Maßnahmen haben müßte. Ihm pflichtete der schwedische Anästhesist Dr. Martin Holmdahl bei: „Tod durch Ersticken kann oft durch einfache Maßnahmen – wie Drehen des Kopfs oder Körpers – verhindert werden. Allerdings muß solche Hilfe unmittelbar nach dem Unfall gegeben werden. Das heißt, in den allermeisten Fällen durch Laien, die daher alle in Erster Hilfe ausgebildet werden müssen.“

Dagegen warnt beispielsweise der Krefelder Chirurg und Unfallexperte Professor Kurt Herzog vor „Überschätzung des Wertes der Ersten Hilfe durch Laien“, da nur das beherrscht werde, „was man gelernt hat und dauernd wiederholt“. Trotz solcher Einwände befürworten die meisten Fachleute die in diesem Jahr für Führerscheinaspiranten obligatorisch gewordene Kurzausbildung in „Sofortmaßnahmen am Unfallort“. Die Techniken, die bei lebensbedrohlich Verletzten anzuwenden sind – so heißt es seien relativ leicht zu merken.

  • Alarmierung der Hilfsorgane: Unklarheit, dazu mangelnde Organisation zeichnen auch das nächste Glied in der Kette des Unfallrettungswesens aus: die Alarmierung der Hilfsorgane. In den Großstädten und auch auf den Autobahnen, an denen in regelmäßigen Abständen Notrufsäulen aufgestellt sind, ist der telephonische Hilferuf meist unproblematisch.

Anders dagegen verhält es sich entlang den 240000 Kilometern bundesdeutscher Straßen, die nicht Autobahnen sind und die nicht durch geschlossene Ortschaften führen. Natürlich kann man Vorbeifahrende bitten, die Verständigung der Polizei zu übernehmen. Doch trotz der bestehenden „Pflicht zur Hilfeleistung“ fahren viele Kraftfahrer am Unfallort vorbei. Dieser Tage schlug der ADAC ein „neues“ Winkzeichen bei Unfällen vor: mit dem ausgestreckten Arm kreisen (ohne freilich zu erwähnen, daß Professor Herzog schon vor Jahren den gleichen Vorschlag gesetzlich schützen lassen wollte).