György Ligeti: „Requiem / Lontano / Continuum“; Liliana Poli, Barbro Ericson, Chöre des Bayerischen Rundfunks, Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks, Leitung: Michael Gielen / Sinfonieorchester des Südwestfunks, Leitung: Ernest Bour / Antoinette Vischer (Cembalo); Wergo 60045, 25,– DM.

Der aus Ungarn stammende, jetzt in Wien, Köln oder Stockholm und zwischendurch in aller Köln lebende Komponist György Ligeti hat in die Neue Musik Komponist neue Strömungen hineingebracht. In die Welt des Musiktheaters brach er mit „Aventures & Nouvelles Aventures“ hinein, Antiopern, die menschliche Grundsituationen und archetypische Verhaltensweisen aneinanderfügen, in rein semantischer Weise ausgedrückt. In seinen Orchesterkompositionen entwickelte er eine musikalische Idee Schönbergs, die Klangfarbenmelodie, weiter und Schönbergs, sie formal neu. Ligeti entwirft Klangteppiche, die ständig ihre Farbe ändern, durch Wechsel der Instrumentation, durch Aussparen oder Hinzufügen bestimmter Farben – ein stetes changierendes, irisierendes Muster, hervorgerufen durch ein innerhalb gewisser Grenzen sich ständig veränderndes Netzwerk von langsam gleitenden Stimmen. „Lontano“ ist eine solche Komposition. Auf den vokalen Bereich wandte Ligeti die Klangfarbentechnik erstmalig in „Lux aeterna“ an. Beim „Requiem“, sagte Ligeti, handelt es sich keineswegs um „geistliche Musik“ – der Text der Totenmesse ist nichts anderes als ein emotional gefärbtes und semantisch hochinteressantes Klangmaterial.

Die hochsensible und absolut sichere Sänger verlangenden Solo- wie Chor-Parte des „Requiem“ haben nach anfänglichen Schwierigkeiten inzwischen eine Reihe von Spezialensembles gereizt. Die vorliegende Aufnahme entspricht mehr Ligetis Vorstellung von voluminösem Klang, während die zarten, empfindlichen Phasen etwas zu rauh, zu solistisch geraten sind. „Lontano“ hingegen zu solistisch realisiert, ein wachsender und wieder verschwindender Klang, Ligeti hat die Einstudierung selber überwacht, die Aufnahme ist also auch „authentisch“. Eine kleine, delikate Zutat: „Continuum“, virtuos gespielt mit sehr viel Phantasie für die doch reichlich begrenzten Klangfarbenmittel eines Cembalos. Heinz Josef Herbort