Euratom – siech seit der Geburt

Von Hermann Bohle

Die Familienmitglieder leben in handfestem Hausstreit und geben sich dennoch der Hoffnung hin, Nachbarn und Freunde kämen gern in ihr gastliches Heim. So schildert ein „Mann vom Bau“ die Lage der europäischen Atomgemeinschaft (Euratom).

Euratom sollte Europa atomar einigen, dach das Gegenteil trat ein: Europas Atomindustrie ist zersplittert. Es gibt im Bereich der Sechsländergemeinschaft keinen gemeinsamen Kernenergiemarkt, obwohl der Euratom-Vertrag – 1957 zugleich mit dem Vertrag in Rom unterzeichnet – das vorschreibt.

1959 schafften die Mitgliedstaaten alle Einfuhr- und Ausfuhrzölle sowie sämtliche mengenmäßigen Begrenzungen für die Exporte und Importe von Kernerzeugnissen ab. Trotzdem gibt es erst ein einziges Beispiel dafür, daß innerhalb der EWG ein Kernkraftwerk über die Grenze in ein Partnerland verkauft wurde: die Kraftwerk Union AG (Siemens/AEG) baut in Holland eine Druckwasser-Reaktorzentrale von 40 MWE. Sonst bestellten alle Auftraggeber nur einheimische Kernkraftwerke.

Kostspielige Eigenbrötelei

Sieht man von der zwischen Deutschland und den Benelux-Staaten vereinbarten Entwicklung des Natrium-gekühlten Schnellbrutreaktors ab, dann blüht in der Alten Welt der atomare Partikularismus: