Von Otto F. Beer

Die jungen Kommunisten, die vor dem Krieg in den halbfaschistischen Staaten Südosteuropas ihre Zellen, gründeten, die dann in die Fänge der Gestapo gerieten, die schließlich den Triumph des Kommunismus erlebten und mitunter hinterher kaum weniger rauh angefaßt wurden – was ist aus ihnen geworden? Der kurze Prager Frühling hat ein paar Einblicke gewährt, aus Polen kommt hin und wieder ein Film, ein Buch, das sich in kryptischer Weise der müde gewordenen Helden der Revolution annimmt.

Aus einer anderen Ecke meldet sich nun Milo Dor. Und wenn er auch kaum sichtbar, machen kann, was damals Gymnasiasten in die Parteizellen getrieben hat, legt er doch deren weitere Schicksale im Tito-Staat bloß. Es ist das Werk eines Emigranten, der Belgrad im Krieg verlassen und von Wien aus, seiner zweiten Heimat, später wieder Fäden zu alten Freunden gesponnen hat –

Milo Dor: „Die weiße Stadt“; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 320 S., 22,– DM.

Die Szenerie ist zunächst verwirrend. Es ist das geistige Wien von heute, wo der Kulturbetrieb über Cocktailgläsern stattfindet. Und wer im literarischen Who is Who von Österreich halbwegs daheim ist, glaubt sich in einen Schlüsselroman versetzt. Da ist der gewisse Sektionschef, der zu Fall kam, weil er einen kleinen Verlag mit Subventionen aufpäppelte und selber von dort Konsulentenhonorare bezog; da tanzt auf dem Josefstädter Ball der nicht immer gut informierte Kulturstadtrat einen Walzer mit der betriebsamen Gattin des letzten Operettenkomponisten – jede Ähnlichkeit mit lebenden Figuren ist keineswegs zufällig. Am allerwenigsten diejenige des Romanhelden Mladen Raikow mit dem Autor. Für Begriffsstutzige werden die letzten Zweifel beseitigt durch die Äußerung von einem Freund Raikows: „Seit Jahren erzählt er mir, er arbeite an einem Roman. Und wo ist das Buch? Den Titel finde ich ganz passabel. Die weiße Stadt. Belgrad heißt übrigens ‚weiße Stadt‘.“ Und wenn Mladen auf Brotsuche zwischen Wien und der Bundesrepublik pendelt, läuft er auch jenem unternehmungslustigen Verleger und Rechtsanwalt über den Weg, der darüber stolperte, daß er in einem Rückstellungsverfahren für eine ungarisch-jüdische Familie SS-Zeugen aufmarschieren ließ, die ihn dann in ihrem Fall mit sich rissen. Diese chronique scandaleuse mag ein; wenig vordergründig wirken, aber sie verbürgt die Echtheit der Kulisse: Wien, wo man sich, nach Milo Dor, den Kopf darüber zerbricht, ob der alte Volksbrauch der Korruption auf die Türken oder auf die Römer zurückgehe. Der Schritt zum Balkan ist nicht weit, und Mladen Raikow wiederholt ihn einige Male in beiden Richtungen.

Die Gymnasiastenverschwörungen der dreißiger Jahre, die Diskussionen über Marxismus und Trotzkismus werden bei diesem Wiedersehen mit der alten Heimat aufs neue präsent. Halbe Kinder wurden abwechselnd von der serbischen Spezialpolizei und der SS gefoltert, in Lager gesteckt. Mladen hatte Glück und wurde zur Zwangsarbeit nach Wien verschickt. Er schlägt sich durch die Schwarzmarktära, die Besatzungszeit und muß neuerlich untertauchen, sobald Tito abspringt und die sowjetische Okkupationsmacht in Wien nach Jugoslawen fahndet. Er schlägt sich schreibend durchs Leben: „Man bietet ihm ganz einfach viel zu wenig, meist gar nichts, um ihn zu kaufen. Wofür sollte man ihm auch etwas bieten? Weil er sich freiwillig für unsere unvollkommene Welt entschieden hal?“ In der Josefstadt betreibt er einen kleinen Antiquitätenladen. Und macht, mit einem österreichischen Paß versehen, Stippvisiten in der „weißen Stadt“ seiner Jugend, stochert dort in der Vergangenheit.

Die müde Resignation, die sich seiner bemächtigt hat, ist auch seinen Kumpanen von einst nicht erspart geblieben. Sofern sie die Gefängnisse und Foltern überlebt haben, ist ihr Triumph bescheiden ausgefallen. Sie wurden Beamte der neuen Ordnung, hatten Säuberungen zu überstehen, haben zwischen Stalin und Tito manchmal aufs richtige, manchmal aufs falsche Pferd gesetzt und beneiden den Jugendfreund, der drüben so offensichtlich erfolgreich war, daß er es sogar zu einem Antiquitätenladen gebracht hat. Die intellektuellen Freunde bringen ihn ins Gespräch mit einem der großen alten Männer der Revolution, der „frisches Blut“ ins öffentliche Leben pumpen und auch ihn zur Mitarbeit heranziehen möchte. Ehe diese Initiative noch Form annehmen kann, ist ihr Urheber bereits verhaftet. Auch sein Name ist eine leicht durchschaubare Chiffre: Er heißt Marko Diwatz.