Von Wolfram Siebeck

Von einem Lebensmüden wird berichtet, daß er die Gashähne öffnete, sich mit einem Strick ans Fensterkreuz hängte, eine Pistole auf seine Brust setzte und abdrückte. Durch die Gewalt der Gasexplosion flog er mitsamt dem Fenster auf die Straße, wo er sich beide Beine brach. „Ich hatte das Pech, zu früh geboren zu sein!“ hadert er heute verbittert. Er, der nur einfachen Zucker kannte, hat recht. Jeden Morgen Zyklamat im Tee hätte ihm die hohe Gasrechnung erspart, und er wäre so tot, wie nur ein Zyklamatesser tot sein kann.

Denn unsere pharmazeutische Industrie macht uns das Sterben leicht. Kunstdünger, Insekten-Spray und jede bessere Medizin mit dem Wirkstoff XY (krebsfördernd, gefäßverengend, rezeptfrei) führt früher oder später zur Testamentseröffnung: „... vermache ich die Dupont-Aktien zu gleichen Teilen meinen Kindern, die darüber verfügen können, wenn sie ihr 20. Lebensjahr erreichen.“ Ja, wenn! Die Chancen der kleinen Limonadentrinker sind nicht sehr groß. Und wer nur klares Wasser trinkt, ist auch nicht besser dran. Die Fische im Rhein wissen ein Lied davon zu singen. „Lutsche nie ein Hustendrops, denn es könnt’ geladen sein!“ witzelte man in den zwanziger Jahren. Heute zählen diese Hustendrops zu den Massenvernichtungsmitteln, deren Produktion und Weitergabe gesetzlich verboten werden sollen.

„Ein solches Gesetz verstieße gegen unsere nationalen Interessen!“ widerspricht der Vorsitzende des Apothekerverbandes, Dr. Stress, im „Pillen-Kurier“. „Wir fordern freien und ungehinderten Zugang zu allen Arzneimitteln. Das Selbstbestimmungsrecht garantiert jedem einzelnen, seine eigene Todesart zu wählen.“

Dem ist nur beizupflichten; wenn auch diese Art von Selbstbestimmung zu keiner neuen Blüte des Individualismus führen wird: Wir, die wir vor zwanzig Jahren schon Anzeigen lesen konnten, erinnern uns, daß in Amerika 90 Prozent aller Ärzte Camel rauchten. (Nach neuesten medizinischen Berechnungen müssen diese Glücklichen längst tot sein.) Dies Beispiel zeigt, daß Berufsgruppen, gleiche Sozialschichten oder Altersklassen ganz bestimmte Arten des Selbstmords bevorzugen.

Ich weiß zum Beispiel, daß 90 Prozent meiner Bekannten (freiberuflich, honorarabhängig, großjährig) sich mit Seife, waschen. Seife aber, das werden wir sicher, bald erfahren, verursacht, wenn man sie lange genug reibt, nicht nur Funken und dadurch Zimmerbrände, sondern bewirkt auch ein Versagen der Herztätigkeit: Über 90 Prozent aller Herztoten wuschen sich nachweislich mit Seife!

Trotz dieser Erkenntnis, so fürchten besorgte Wissenschaftler, könne der Seifenverbrauch nur gegen den Willen der Bevölkerung eingedämmt werden. Denn – so resümieren sie ihre alarmierende Untersuchung – auch der Selbstmord wird zum Laster, wenn er zur Gewohnheit wird.