In der Mitte der sechziger Jahre begann in Europa das Gefühl unmittelbarer Bedrohtheit in West und Ost nachzulassen. Die Sicherheitsfragen büßten ihren Vorrang ein. Damit verloren NATO und Warschauer Pakt an politischer Bedeutung. Es mehrten sich die Entwürfe zur Umgestaltung oder Auflösung der Bündnisse, die zwar – so meinte man – Sicherheit gäben, der Entspannung aber entgegenstünden. Im Westen setzte diese Entwicklung ein, als das fernöstliche Engagement die USA in ihrer Führungsrolle zu behindern begann und die Europäer zwar mit dem wirtschaftlichen Aufstieg ihr nationales Selbstgefühl weidergewannen, doch nicht zu gemeinsamen Ordnungsvorstellungen, geschweige zu neuen Ordnungen vordrangen. Mancher sah für 1969 das Ende des Nordatlantischen Bündnisses nahen. Mit gutem Grund hatte die Konferenz von Bukarest im Juli 1966 die Auflösung beider Paktsysteme vorgeschlagen. Der Osten konnte hoffen, damit die Lockerung des westlichen Bündnisses zu beschleunigen, währen das eigene Risiko gering blieb: Das Netz bilateraler Verträge und Parteiverbindungen würde die spektakuläre Auflösung der Pakte auf jeden Fall überdauern.

Es hatte lange den Anschein, als sei der Osten für Erosionen weniger anfällig als der Westen. Die Furcht vor dem Bonner „Revisionismus“, demgegenüber die sowjetische Hegemonie als das geringere Übel wirkte, spielte dabei eine wesentliche Rolle. Hinzu kam der politisch geschickte Ausbau des Warschauer Paktes. Er klammerte – von Moskau her gesehen – das Lager zuverlässig zusammen und bot gleichzeitig den osteuropäischen Regierungen neben relativer Gleichberechtigung die Plattform für bilaterale Kontakte zu westlichen Staaten. Doch schufen die reform- und nationalkommunistischen Entwicklungen im Verein mit der neuen Ostpolitik der Großen Koalition bald eine Lage, die den Kreml um den Bestand seines Imperiums bangen ließ. Der Warschauer Pakt wurde daher politisch zu einer „heiligen Allianz“, militärisch wieder zu einem Besatzungsstatut umgeprägt. Es ist bezeichnend, daß der Budapester Appell vom März 1969 die Auflösung der Pakte nur noch vage und pflichtgemäß erwähnte; auch fehlte, im Gegensatz zu Bukarest, jeder Hinwies auf bilaterale Kontakte. Hier ging es wohl in erster Liniedarum, die Sowjetunion als europäische Friedensmacht darzustellen. Gleichzeitig sollten die Erinnerungen an die Intervention überspielt, die zentrifugalen Kräfte in eine bestimmte Richtung gelenkt und die NATO-Partner in Sicherheit gewiegt werden. Außerdem versprach sich der Kreml davon offenbar Rückendeckung gegenüber China, ohne konkrete Konzessionen an Ost- und Westeuropa machen zu müssen.

Die Sicherheit Westeuropas und der Bundesrepublik ist, wie ich es sehe, durch die Intervention des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei nicht berührt worden, zumindest nicht unmittelbar. Unter den waltenden strategischen Umständen versprechen Aggressionen nur dann politischen Gewinn, falls sie sich klar begrenzt gegen einen politisch isolierten Bündnispartner richten. Andernfalls würde der Angriff zur Konfrontation mit dem gesamten Bündnis führen – und das heißt: auch mit den USA und ihrem Kernwaffenpotential. Auch nach der Besetzung hat sich die strategische Gesamtlage nicht zugunsten des Warschauer Paktes verbessert. Selbst wenn man größere Operationen durch den Bayrischen Wald für möglich und sinnvoll hält, so hat gerade der Verlauf des Einmarsches in die ČSSR bewiesen, daß die heutigen Aufmarschräume im Rahmen von Übungen auch aus den bisherigen Standorten in Stunden erreichbar waren. Desgleichen veränderte die Verstärkung der östlichen Heeresverbände westlich von Bug und Weichsel das Stärkeverhältnis nicht grundsätzlich. Für begrenzte Aktionen standen stets genügend Kräfte in diesem Bereich, während sich für den mehr als unwahrscheinlichen Fall einer Großaktion die Bedingungen kaum geändert, die Aufmarschzeiten nur unwesentlich verkürzt haben. Ganz anderes Gewicht hätten derartige Kräfteverschiebungen freilich, falls die nukleare Abschreckung nicht mehr funktionierte.

Für die künftige Sicherung der Bundesrepublik und Westeuropas dürften andere Gesichtspunkte bedeutungsvoll sein. Wenn nicht alles täuscht, wurde die Intervention von einem Regime angeordnet, das sich ratlos und verzweifelt einer voraussichtlich unaufhaltsamen Entwicklung entgegenstemmt. Hier kämpft eine der Intelligenz wie der Jugend entfremdete Partei 50 Jahre nach der Revolution und inmitten der Expertenwelt einer hochentwickelten Industriegesellschaft um ihren bedrohten Führungsanspruch. Verschärft wird die Krise noch durch die Tatsache, daß Polyzentrismus und Gegensätze im sozialistischen Lager den Glanz des Marxismus erheblich trüben. Machtkonflikte wie der mit China bedeuten dabei nicht nur politische Handikaps, sondern zugleich ideologische. Sie entlarven den großen Trugschluß der These vom ewigen Frieden nach dem Siege der proletarischen Revolution. Die Sowjetunion sieht sich eingekeilt Zwischen China mit seiner erdrückenden Bevölkerungsdichte sowie starkem politischem Appeal bei der revolutionären Intelligenz der farbigen Entwicklungsländer und dem Westen, in dem die Vereinigten Staaten, trotz aller Belastungen in Vietnam und im Inneren, wissenschaftlich wie technologisch unerreichbar bleiben.

So fühlt sich die Sowjetunion von allen Seiten in die Defensive gedrängt. Doktrinen wie die der friedlichen Koexistenz, der begrenzten Souveränität im sozialistischen Commonwealth, der Interventionspflicht und der friedlichen Gegenrevolution sollen der Erhaltung des Imperiums, seiner Abdichtung nach außen sowie der Desintegration des Westens dienen, dessen Attraktionen in zunehmendem Maße auflösend wirken. Die Bundesrepublik muß dabei – ähnlich wie Israel für die Araber – für die Rolle des Bösewichts herhalten.

Die internen Spannungen im Ostblock werden in den siebziger Jahren voraussichtlich zunehmen. Schon die gesellschaftliche Entwicklung spricht dafür. Auf zunehmenden Druck wird aber der Kreml mit gesteigerter Gewalt reagieren und – auch das lehrt die Prager Intervention – sich dabei weder durch vertragliche Bindungen noch durch Rücksichten auf die Weltöffentlichkeit oder die Interessen der nichtregierenden kommunistischen Parteien behindern lassen. Im August 1968 erschien eine exemplarische „Implosion“ gegen den Hauptsünder noch als hinreichend, um die Lage wiederherzustellen. Es läßt sich aber mühelos ein Scenario entwerfen, in dem sich dem Kreml eine risikolose „Explosion“ in die „graue Zone“ oder gar auf exponierte NATO-Partner als opportunes Mittel anbietet, um den auseinanderfallenden Block zu re-integrieren. Geschichte und Gegenwart bieten genügend Beispiele für die Flucht in auswärtige Abenteuer. Derartiges würde zum Beispiel naheliegen, falls ein Pyrrhussieg in der ČSSR den sowjetischen Führern die Augen öffnete über die Wirkungslosigkeit militärischer Gewaltanwendung gegen gesellschaftliche Entwicklungen.

So hat es den Anschein, als sei – jedenfalls in Europa – die Sicherheit in den siebziger Jahren nicht durch militante Aggressivität einer selbstsicheren, siegesgewissen Sowjetunion gefährdet. Im Gegenteil, die tatsächlichen und leider unberechenbaren Gefahren drohen durch die innere Unsicherheit des Regimes. Je mehr die Spannungen im Ostblock zunehmen, desto heikler wird die Sicherheitslage der Nachbarn. Auch hieran zeigt sich, in welch hohem Grade das Sicherheitsgefühl der anderen Seite zu einem Faktor der eigenen Sicherheit geworden ist. Da von außen wenig geschehen kann, um die innere Unsicherheit der UdSSR zu verringern, bleibt nur eine besonnene, glaubhafte Sicherheitspolitik des Bündnisses, die über das Risiko jeglicher Expansion keinen Zweifel läßt.