Von Alastair Buchan

Der Krieg ist der große Eventualfall der Geschichte. Gewöhnlich ist er an Orten und zu Zeiten ausgebrochen, da die Menschen ihn am wenigsten erwarteten; ihn zu erwarten, hieße ja in den meisten Fällen wohl auch, ihn zu verhindern. Als der oberste Beamte des englischen Foreign Office zehn Tage vor dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges von 1870-einem neuen Außenminister Bericht über die Weltlage erstattete, sagte er, seit dreißig Jahren habe er Europa nicht mehr so ruhig erlebt. Sarajewo traf alle Regierungen Europas unvorbereitet, und die Zahl derer, die im Jahre 1959 wirklich mit einem Krieg rechneten, war weitaus kleiner als die Zahl jener, die später vorgaben, sie hätten den Konflikt kommen sehen.

So weiß ein jeder, der die Wahrscheinlichkeit von Konflikten im nächsten Jahrzehnt zu analysieren versucht, daß er schwankenden Boden unter den Füßen hat; prophezeien ist unklug. Dem Analytiker stehen nur drei Instrumente zur Verfügung: das gegenwärtige Konfliktmuster in der Welt, jene Merkmale der modernen Staaten oder des internationalen Systems, die wahrscheinlich, im nächsten Jahrzehnt fortdauernde Gültigkeit behalten, und die relevanten Prognosen zur Entwicklung der Technik.

Niemand kann die Tatsache bestreiten, daß sich das Konfliktmuster in der Welt entscheidend gewandelt hat. Hält man sich die fünfzig Jahre von 1895 bis 1945 vor Augen, so erkennt man, daß Europa – wie seit einigen, Jahrhunderten – ununterbrochen der Brennpunkt der tatsächlichen wie der potentiellen zwischenstaatlichen Kriege war. Die Hoffnung liberaler Philosophen wie Comte, daß die Menschheit aus dem Zeitalter des Kämpfens herausgewachsen sei und die industrielle Revolution eine internationale Kapitalisten- oder Managerklasse hervorbringen werde, die sich nicht von nationalen Loyalitäten leiten lasse, hatte getrogen. Es war die Gefahr europäischer Kriege, die vor allem anderen die Politiker beschäftigte. Eine Tatsache nur unterschied das halbe Jahrhundert 1895 bis 1945 von dem vorangegangenen: Der Aufstieg Japans und der Anspruch auf ein Interessengebiet im Pazifik durch Russen wie Amerikaner machten den Fernen Osten zu einem zweiten Brennpunkt potentieller Großmachtkonflikte. Unsere Generation hat erlebt, wie diese beiden Brennpunkte durch die „Achse“ so verbunden wurden, daß in den vierziger Jahren ein Krieg im Fernen Osten fast zur unvermeidlichen Folge des europäischen Krieges werden mußte. Auf diese Weise wurde der Zweite Weltkrieg wirklich ein Weltkrieg.

Damit soll nicht gesagt werden, daß die übrige Welt vor oder zwischen den beiden Weltkriegen in Frieden lebte. Die lateinamerikanischen Staaten haben Formen begrenzter innerer und äußerer Konflikte vorexerziert, die wir jetzt auch von anderen Erdteilen, kennen. Es gab viele gewaltsame Konflikte zwischen den Kolonialmächten und ihren Untertanen. Obwohl die europäischen Mächte ihre Konflikte nicht länger in Übersee austrugen wie im 18. und 19. Jahrhundert, gab es dennoch verschleierte Großmachtauseinandersetzungen in Afrika. Eroberung oder gewaltsame Aneignung fremden Gebietes kennzeichneten weiterhin das Verhalten der Großmächte; der japanische Angriff auf die Mandschurei, Italiens Feldzug gegen Abessinien und natürlich die Taten des Dritten Reichs belegten dies. Bei den inneren Konflikten ging es in erster Linie um gewaltsame Erhebungen in den Städten, zum Teil ein Echo der großen Aufstände des 19. Jahrhunderts, die durch die Erinnerung an 1789 inspiriert worden waren: 1848, die Pariser Kommune, der Heimstättenstreit amerikanischer Siedler, die Moskauer Aufstände von 1905 und viele andere. Die Angst vor dem Aufruhr in den Städten nahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts stetig zu, da die Verbreitung des Marxismus wie auch der wirtschaftlichen Depression die Möglichkeit des Klassenkampfes in den führenden Industriestaaten heraufzubeschwören schien.

Die Welt der letzten 10 oder 15 Jahre wird von einem ganz anderen Muster der Gewalttätigkeit gekennzeichnet. Europa hat eine seiner längeren – wenn auch keineswegs die längste – konfliktfreien Zeiten erlebt. Natürlich kam es auch in Europa zu Gewaltanwendungen: beim Aufstand in Ostdeutschland 1953 und bei der ungarischen Erhebung 1956 – beides städtische Aufstände von kurzer.Dauer nach dem Vorbild des 19. Jahrhunderts; 1964 und 1967 wieder kam es zwischen Griechenland und der Türkei wegen Zypern beinahe zum Krieg, und es hat Perioden großer Spannung speziell um Berlin gegeben. Doch sind Gebietsansprüche in Europa nicht mehr mit Gewalt oder der Androhung von Gewalt verfolgt worden. Im Jahre 1969 schien sich für die meisten Europäer die Aussicht auf einen allgemeinen europäischen Konflikt zu vermindern. Wir sind zeitlich von 1945 weiter entfernt als 1939 von 1918, und Europa hält sich heute für viel sicherer als im Jahr 1939,

In den ersten Nachkriegsjahren hatte es den Anschein, als werde es im Fernen Osten anders kommen. Die Abspaltung Taiwans von China als Folge des chinesischen Bürgerkriegs erschien als Quelle eines fortgesetzten und aktiven bewaffneten Konflikts, Der Korea-Krieg, der zumindest vom Norden und zeitweise auch von den UN um territorialer Ziele willen ausgetragen wurde, vertiefte nicht nur die Haßliebe zwischen Chinesen und Amerikanern zu einer regelrechten ideologischen und nationalen Feindschaft; er. schien auch die Aussicht auf ähnliche Aus? einandersetzungen in Asien und anderswo zu eröffnen. In Wahrheit jedoch hat es seit Korea nirgends in der Welt, wo sich die Großmächte unmittelbar gegenüberstehen, weitere Konflikte gegeben. Die territorialen Streitigkeiten des Kalten Krieges, sind stark reduziert und im Fernen Osten wie in Europa unter Kontrolle gehalten worden. Die einzige Ausnahme waren zwei chinesische Angriffe auf Quemoy (1955 und 1958), die schließlich aufgegeben wurden.