Von Raymond Aron

In welcher Hinsicht unterscheiden sich Betrachtungen über die Zukunft des Friedens von Betrachtungen über die Zukunft des Krieges? Wenn sich der Frieden, wie es heißt, als Zustand ohne Krieg definieren läßt, dann decken sich die beiden Themen, und ich müßte, würde ich mich an ein vorgegebenes Konzept halten, die Analyse Alastair Buchans wiederholen, ergänzen oder korrigieren. Da unsere Ansichten jedoch nicht deutlich, genug voneinander abweichen, gehe ich besser von einer anderen Interpretation der Beziehungen zwischen Frieden und Krieg aus, nämlich von Spinozas Formulierung: ‚,Friede ist nicht Zustand ohne Krieg“ (welche er ausschließlich auf den inneren, Frieden bezog). Über den Frieden zu reflektieren und dabei über den bloßen Zustand ohne Krieg hinauszudenken heißt also, sich Gedanken zu machen über die Möglichkeiten, Konflikte zu lösen und nicht nur die Anwendung von Waffengewalt zu verhindern.

Wenden wir uns beispielsweise zunächst Europa zu. Von der einen Seite durch die sowjetischen, von der anderen durch die anglo-amerikanischen Truppen befreit, durch den Eisernen Vorhang gespalten, erschien Europa bis zum Ende der zweiten Berlinkrise als Zentrum, Brennpunkt, Hauptobjekt der Rivalität zwischen den beiden Großmächten. Heute dagegen gilt das gleiche Europa als Zone der Ruhe, der Befriedigung, wenn nicht sogar des gesicherten Friedens, ein Gebiet, das zu wirtschaftlicher Expansion und den damit einhergehenden Spannungen tendiert. Der territoriale Status quo allerdings hat sich, von Jugoslawiens Loslösung von der UdSSR im Jahre 1948 abgesehen, nicht verändert. Die beiden Europa, die beiden Deutschland bestehen weiter, und die Folgen des Zweiten Weltkriegs, um die Sprachformel der Sowjets zu verwenden, sind nicht überwunden.

Soll man nun von Frieden oder von Zustand ohne Krieg sprechen? Seit 25 Jahren bleibt Europa aus Furcht vor dem Ausbruch eines allgemeinen Konflikts von lokalen Feindseligkeiten verschont. In Berlin, im Zentrum des Alten Kontinents, stehen sich die Armeen der beiden Giganten gegenüber, und es käme zu einem unmittelbaren Zusammenstoß, wenn eine von ihnen die Demarkationslinie überschritte. Mögen auch die Theoretiker auf die unzähligen Sprossen der Eskalationsleiter hinweisen, von einem Scharmützel zwischen Grenzstreifen bis zum Einsatz von thermonuklear bestückten Raketen – die Staatsmänner scheinen an ihrer Fähigkeit zu zweifeln, die Herrschaft über das Geschehen zubehalten, und halten sich lieber an eine einfache Regel: den Zusammenstoß, mithin den Einsatz regulärer Heere zu vermeiden.

Vielleicht sollte man diese Formel noch durch ein Adjektiv ergänzen: tabuisiert ist die militärische Verwendung; In der Diplomatie werden, konventionelle oder nukleare Waffen ständig benutzt. Zumindest aber kann niemand ihren permanenten Einsatz als Hypothese ausschließen. Da durch den diplomatischen der-militärische Einsatz verhindert werden soll, gilt das Ziel in gewisser Hinsicht bereits als erreicht, wenn kein Schuß fällt. Allerdings bleibt dies ein zeifelhafter und umstrittener Erfolg. Es gibt keinerlei Beweise dafür, daß die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte, wenn nur ein Teil oder gar keine dieser Waffen in Ost- und Westeuropa gelagert worden wären.

Immerhin lagen zehn Jahre zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der offiziellen Konsolidierung der beiden Blöcke. Der Nordatlantikpakt besteht seit 1949; die Konzeption seiner militärischen Organisation entstand unmittelbar, nachdem die Nordkoreaner den 38. Breitengrad überschritten hatten; die Verhandlungen über die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik dauerten fünf Jahre. Im Jahre 1954 lehnte das französische Parlament die EVG (das Projekt einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft) ab. Mehr aus Resignation denn aus Überzeugung stimmte es dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO im Jahre 1955 zu. Besonders paradox ist es, daß der Aufbau der beiden politisch-militärischen Systeme erst zu einem Zeitpunkt zum Abschluß kam, als nicht mehr die Furcht vor einer Invasion der russischen Armee in Westeuropa das Denken beherrschte, und man schon lieber von Entspannung sprach als vom Kalten Krieg.

Kurz gesagt: Die Sowjetisierung Osteuropas vollzog sich zwischen 1945 und 1950, ohne daß die westlichen Staaten sie bei aller Empörung als Indiz eines Aggressionswillens deuteten. Die Koreakrise löste überall in der Welt große Angst aus, die dann nach dem Tod Stalins, dein Stil seiner Nachfolger und dem koreanischen Waffenstillstand allmählich wieder zurückging. Doch die Wellen, welche die Krise hervorgerufen hatten, breiteten sich weiter aus; oder, wenn man lieber, ein anderes Bild verwenden möchte: die Verwaltungsmaschinerie war in Gang gekommen. Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, der übrigens eine teilweise Wiederbewaffnung der DDR vorausgegangen war, ließ sich durch nichts mehr aufhalten. General de Gaulles Entscheidung, Frankreich aus der NATO (nicht aber aus dem Atlantischen Bündnis) zurückzuziehen, änderte die Konstellation nicht wesentlich. 1969 bestanden die militärischen Blöcke noch immer. Die meisten sahen in ihnen weiterhin die Garantie für den Zustand ohne – Krieg. Manche jedoch fragten sich, ob sie nicht den Frieden verhinderten. Mit der rückwärtsgewandten Erörterung, welche die revisionistischen Historiker in Gang gebracht haben, wollen wir uns nicht lange aufhalten. Nehmen wir an – ich persönlich halte dies für wahrscheinlich –, daß die Sowjetunion unter Stalin niemals die Absicht hatte, Europa, die kleine Landspitze Asiens, militärisch zu erobern und den Herrschaftsbereich des Marxismus-Leninismus bis zur Atlantikküste zu erweitern. Die westlichen Länder konnten nicht umhin, sich über das Schicksal, das ihren Freunden in den sowjetisch besetzten Gebieten aufgezwungen wurde, mißbilligend zu äußern. Mit ihrer politischen und moralischen Verurteilung der Sowjetunion zerbrachen sie die Allianz, die über das Dritte Reich gesiegt hatte.