Aus dem Leitartikel des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ mit dem Titel „Zur neuen Regierung in Bonn“:

„Natürlich reichen einige Wochen noch nicht aus, um sich über die neue Regierung ein endgültiges Urteil zu bilden. Wir verstehen, daß eine gerade ins Amt eingeführte Regierung gewisse Zeit braucht, um sich zurechtzufinden.

Was die Außenpolitik betrifft, so enthält die Regierungserklärung gewiß einige neue Akzente, die überall und natürlich auch in der Deutschen Demokratischen Republik mit Aufmerksamkeit registriert wurden. So gab die neue Bonner Regierung zu verstehen, daß sie den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnen werde. Positiv sollte auch die in der Regierungserklärung geäußerte Bereitschaft der Bundesrepublik gewertet werden, „nach sorgfältiger Vorbereitung“ an einer europäischen Sicherheitskonferenz teilzunehmen.

Der neue westdeutsche Bundeskanzler hat sich in der Regierungserklärung von seinem Vorgänger Kiesinger dadurch unterschieden, daß er von der Existenz zweier deutscher Staaten sprach.

Aber warum fehlt eigentlich der neuen Bonner Regierung der Mut, diese ganze Wahrheit zu erkennen? Warum weigert sich die Regierung Brandt/Scheel wie alle ihre Vorgängerinnen kategorisch, die Deutsche Demokratische Republik völkerrechtlich anzuerkennen?

Zwar ist es nicht unsere Sache, uns für Bonn die Köpfe zu zerbrechen: Aber ist es nicht politisch klüger, einen unvermeidlichen Schritt aus eigenem Entschluß zu tun, statt ihn später unter dem Zwang der Umstände doch nachvollziehen zu müssen?

Unbestreitbar ist folgendes: Die Beziehungen zwischen souveränen Staaten werden durch das Völkerrecht geregelt. Das Völkerrecht aber verlangt die souveräne Gleichheit der Staaten, ihre territoriale Integrität zu achten und vor allem die bestehenden Grenzen anzuerkennen. Das gilt auch – ob man das heute in Bonn bereits einsieht oder noch nicht – für die Beziehungen zwischen der DDR und der westdeutschen Bundesrepublik. Auch ihre Beziehungen müssen umfassend und uneingeschränkt auf der Basis des Völkerrechts geregelt sein.“