Von Tilman Neudecker

Es ist fast eine Sensation. Das „Zentrale Dogma der Biochemie“, seit fast zwanzig Jahren unantastbares Credo der Molekularbiologen, scheint nach überraschenden Forschungsergebnissen des amerikanischen Biochemikers Dr. Eugene Bell vom „Massachusetts Institute of Technology“ in Cambridge (USA) revisionsbedürftig. Falls sich nämlich bestätigen sollte, was der Forscher nach einem Bericht der englischen Zeitschrift „Nature“ (25. Oktober) entdeckt zu haben glaubt, so werden wir unser derzeitiges Bild vom Erbgeschehen in höheren Zellen in einigen wichtigen Punkten korrigieren müssen.

Genetische Information, so formulierte erstmals 1950 der britische Nobelpreisträger Francis H. C. Crick das berühmte „Zentrale Dogma“, wird in allen Lebewesen, vom Bakterium bis zum Elefanten, in prinzipiell gleicher Weise verwirklicht. Zunächst wird von der Erbsubstanz Desoxyribonucleinsäure (DNS) in den Chromosomen des Zellkerns, dem allgemeinen Informationsarchiv der Zelle, eine exakte Kopie in Form einer zweiten Art von Nucleinsäure, der sogenannten Boten-Ribonucleinsäure (englisch: messenger-RNS) hergestellt. Jene Boten-RNS, quasi die mobile Form der Erbinformation, wandert dann ins Zellplasma an die Ribosomen, die die in der spezifischen Basenfolge der messenger-RNS verschlüsselte Genanweisung schließlich in die Aminosäuresequenz bestimmter Enzyme und anderer Eiweißmoleküle übersetzen.

Dieses geniale Konzept, in zahlreichen Untersuchungen an verschiedenen Mikroorganismen inzwischen vielfach bestätigt und zweifelsfrei bewiesen, schien bisher von so offensichtlicher Allgemeingültigkeit, daß kaum jemand ernsthaft daran zweifelte, daß die gleichen Mechanismen zur Realisierung von Geninformation nicht auch in höheren Zellen am Werke sind.

Und doch, wie immer in der Molekularbiologie, ist die entscheidende Frage die: Geht die Natur im Bakterium Escherichia coli die gleichen Wege wie in Homo sapiens? Sind die Befunde an Bakterien und Viren – praktisch alle großen Entdeckungen der modernen Biologie, von der Aufklärung des grundlegenden Mechanismus der Genwirkung bis zur Enträtselung des genetischen Codes wurden an Mikroorganismen gemacht – uneingeschränkt auch auf höhere Lebewesen zu übertragen?

Tatsächlich scheint es recht unwahrscheinlich, daß sich so elementare Lebensprozesse wie etwa die Genverwirklichung oder die Proteinsynthese im Laufe der Evolution wesentlich gewandelt hätten, denn was sich seit Urzeiten schon sei primitiven Kleinstlebewesen bewährt hat, sollte auch für komplexere Organismen nützlich sein. Eine andere Frage ist aber, ob sich Zellen so unterschiedlichen Differenzierungsgrades wie die eines Bakteriums und die eines höheren Lebewesens bei prinzipiell gleicher Strategie mit doch mitunter im taktischen Vorgehen unterscheiden, ob, konkret, hochdifferenzierte Zellen den Gesetzen des „Zentralen Dogmas“ in absolut gleicher Weise entsprechen wie Colizellen.

Genau dieses so wichtige Problem, das von den Molekularbiologen bisher noch recht stiefmütterlich behandelt wurde, erscheint nach den aufschlußreichen Befunden Dr. Bells in einem neuen Licht. Was nämlich der amerikanische Biochemiker jetzt fand, zeigt nicht nur, wie gefährlich mitunter kritiklose Verallgemeinerungen molekularbiologischer Erkenntnisse an Mikroorganismen sein können, es bedeutet darüber hinaus beim derzeitigen Stand der biochemischen Forschung fast so etwas wie eine wissenschaftliche Sensation – die Entdeckung einer neun Art DNS.