Eines Tages sagte ein verliebtes Mädchen zu dem Mann, den es liebte; „Ich könnte auch Geschichten schreiben, die Ihnen gefallen ...“ – „Glauben Sie?“ antwortete er. Sie trafen sich zwei- oder dreimal in der Woche, niemals in den Ferien, niemals an den Wochenenden. Beide knapsten die Zeit, die sie zusammen verbrachten, der Familie oder der Arbeit ab. Im Januar oder Februar, wenn die Tage länger werden und die Sonne vom Westen her einen roten Widerschein auf die Seine wirft, gingen sie des Nachmittags an den Flußufern spazieren, Quai des Grands Augustins, Quai de la Tournelle, und küßten sich im Schatten der Brücken. Ein Clochard rief ihnen einmal zu: „Sollen wir euch ein Zimmer bezahlen?“ Ihre Zufluchtsorte wechselten häufig. Der alte Wagen, den das Mädchen fuhr, brachte sie in den Zoo, um die Giraffen zu sehen, nach Bagatelle, um im Frühjahr Iris und Klematis oder im Herbst Astern zu betrachten. Sie merkte sich die Namen der Astern, blauer Nebel, violett, blaßrosa, warum eigentlich? Denn niemals hat sie sie pflanzen können (dennoch werden wir die Astern wiederfinden). Aber es ist weit nach Vincennes oder zum Bois. Im Bois trifft man Leute, die einen kennen.

Tatsächlich blieben nur die Zimmer. Ein und dasselbe mehrmals hintereinander. Oder andere, wie es der Zufall wollte. Die dürftige Beleuchtung der Zimmer in den Bahnhofshotels hat etwas merkwürdig Anheimelndes; der bescheidene Luxus des großen Betts, das man beim Weggehen mit zerwühlten Laken hinterläßt, hat seinen Reiz. Und es kommt die Zeit, da man das Geräusch der Gespräche und Seufzer nicht mehr trennen kann von dem unablässig von der Straße heraufdringenden Dröhnen der Motore und dem Quietschen der Reifen. Dieses flüchtige und zärtliche Beisammensein in der Muße, die der Liebe folgt, war mehrere Jahre lang eingelullt von diesen Erzählungen und, wenn man das sagen kann, von diesen Rezitierungen, bei denen die Bücher an erster Stelle stehen. Die Bücher waren ihre einzige völlige Freiheit, ihr gemeinsames Vaterland, ihre wahren Reisen; in den Büchern, die sie liebten, lebten sie zusammen wie andere im Schoße der Familie; in den Büchern fanden, sie ihre Landsleute und Brüder; die Dichter hatten für sie geschrieben, die Briefe der Liebenden von einst erreichten sie trotz der Unverständlichkeit der altertümlichen Sprache, der überlebten Bräuche und Moden – und all das wurde mit gedämpfter Stimme vorgelesen in einem unbekannten, schmutzigen Zimmer, das wunderbarerweise einer Festung glich, die einige Stunden lang vergeblich von der Außenwelt berannt wurde.

Sie hatten keine gemeinsame Nacht. Plötzlich, zu der und der im voraus festgesetzten Stunde – die Uhr bleibt am Handgelenk – mußten sie aufbrechen. Jeder mußte wieder in seine Straße, in sein Haus, in sein Zimmer, in sein gewohntes Bett, zu jenen, mit denen man durch eine unsühnbare Liebe von anderer Art verbunden ist, zu jenen, die einem der Zufall oder die Jugend beschert oder die man sich selber ein für allemal aufgeladen hat und die man weder verlassen noch verletzen kann, wenn man im Mittelpunkt ihres Lebens steht. Er war in seinem Zimmer nicht allein, Sie war allein in dem ihren. Eines Abends, nach diesem „Glauben Sie?“ der ersten Seite und ohne zu ahnen, daß sie eines Tages auf einem Katasteramt den Namen Reage finden und sich erlauben würde, den Vornamen zweier berühmter Kokotten, Pauline Borghese Und Pauline Roland, zu entlehnen, eines Abends begann jene, für die ich heute spreche, und das mit Fug und Recht, denn wenn ich nichts von ihr habe, hat sie doch alles von mir, und insbesondere die Stimme – eines Abends also begann dieses Mädchen, statt ein Buch zur Hand zu nehmen, ehe sie einschlief, krumm wie ein Fiedelbogen auf der linken Seite liegend, die Geschichte zu schreiben, die sie versprochen hatte.

Der Frühling ging seinem Ende zu. Die japanischen Kirschen in den großen Pariser Parks, die Judasbäume, die Magnolien in der Nähe der Teiche, die Holundersträucher am Rand der alten Stadtbahndämme waren abgeblüht. Die Tage hörten nicht auf, und zu ungewöhnlichen Stunden drang das Licht des Morgens bis zu den staubigen schwarzen Vorhängen, den letzten Spuren der Luftschutzmaßnahmen des Krieges. Aber im Schein der am Kopfende des Bettes brennenden kleinen Leuchte glitt die Hand, die den Bleistift hielt, unbekümmert um die Stunde und die Helligkeit, über das Papier. Das Mädchen schrieb, wie man im Dunkeln mit jenem spricht, den man liebt, wenn die Liebesworte zu lange zurückgehalten worden sind und nun endlich strömen. Zum erstenmal in ihrem Leben schrieb sie ohne Zaudern, rastlos, ohne etwas zu ändern oder auszustreichen, sie schrieb, wie man atmet, wie man träumt. Das fortwährende Gebrumm der Autos wurde schwächer, man hörte kein Türenschlagen mehr, Paris wurde still. Sie schrieb noch, als die Stunde der Müllkutscher begann und die Morgendämmerung anbrach. Die erste Nacht, die sie ganz und gar so verbrachte, wie zweifellos Nachtwandler die Nächte verbringen, sich selber entrissen oder – wer weiß? – sich selber zurückgegeben. Am Morgen verwahrte sie den Block, der die beiden Anfänge enthielt. Sie mußte jetzt aufstehen, sich waschen, anziehen, frisieren, den starren Harnisch wieder anlegen, das alltägliche Lächeln aufsetzen, die übliche stumme Sanftmut zur Schau tragen. Morgen, nein, übermorgen würde sie ihm das Heft geben.

Sie reichte es ihm sofort, als er ins Auto stieg, wo sie ihn erwartete, einige Meter von einer Straßenkreuzung, in einer kleinen Straße in der Nähe einer U-Bahnstation und eines Marktes. (Suchen Sie nicht nach der Stelle, es gibt viele, die ihr ähnlich sind, und es ist kaum wichtig, welche es war.) Gleich lesen, nicht fragen. Im übrigen stellte sich diese Zusammenkunft als eine von jenen heraus, zu denen man kommt, um zu sagen, daß man nicht kommt, weil man zu spät erfährt, daß man absagen muß, und es nicht rechtzeitig tun kann. Immerhin war es schön, daß er hatte entfliehen können. Sonst hätte sie eine Stunde gewartet und wäre am nächsten Tag zur selben Stunde wiedergekommen, zur selben Stelle, nach den uralten Regeln der Vogelfreien. Er sagte entfliehen, denn alle beide bedienten sich eines Vokabulars von Häftlingen, die sich nicht gegen ihr Gefängnis empören, und vielleicht waren sie sich darüber klar, daß sie, wenn sie das Gefängnis schlecht ertrugen, es auch schlecht ertragen würden, daraus entlassen zu werden, weil sie sich schuldig fühlten. Die Vorstellung, daß man nach Hause gehen mußte, machte die heimliche Zeit besonders wertvoll, denn sie siedelte sich außerhalb der wirklichen Zeit an, gleichsam in einer bizarren und ewigen Gegenwart.

In dem Maße, in dem die Jahre vergingen, ohne ihnen mehr Freiheit zu bringen, hätten sie sich durch die Jahre, die vor ihnen zusammenschrumpften, gehetzt fühlen müssen. Aber nein. Die Hindernisse jedes Tages, jeder Woche – entsetzliche Sonntage ohne Briefe, ohne Telephon, ohne daß ein Wort oder ein Blick möglich waren, entsetzliche Ferien, irgendwo am Ende der Welt, und immer war jemand da, der fragte: „Woran denkst du?“ – diese Hindernisse genügten, daß sie sich quälten und immer fürchteten, der andere könne sich verändert haben. Sie erhoben nicht den Anspruch, glücklich zu sein, aber nachdem sie sich einmal erkannt hatten, flehten sie zitternd darum, daß es von Dauer sein möge, mein Gott, daß es von Dauer sein möge... daß nicht plötzlich der eine dem anderen fremd erscheine, daß diese unverhoffte Brüderlichkeit anhalten möge, die seltener ist als das Begehren und kostbarer als Liebe – oder die vielleicht schließlich Liebe sein würde.

So war alles ein Wagnis: ein Zusammensein, ein neues Kleid, eine Reise, ein unbekanntes Gedicht. Aber nichts würde sie hindern, diese Wagnisse auf sich zu nehmen.