Es wartet auf die Archäologen kein reicherer Schatz als die Reste von Sybaris, schrieb der englische Historiker Sir Cecil Maurice Bowra vor gut zehn Jahren. Jetzt endlich hat man Sybaris gefunden, jene (groß)griechische Stadt am Ionischen Meer in Unteritalien, die zum Inbegriff von Luxus, Wohlleben, dekadentem Vergnügen wurde, die Stadt des raffiniert-verfeinerten Lebensgenusses, deren genaue Lage trotz jahrzehntelanger Grabungen so lange unbekannt geblieben war. Zweitausendvierhundertneunundsiebzig Jahre nach ihrer Zerstörung ist sie von italienischen Archäologen entdeckt worden; Professor Forti und seine Mitarbeiter fanden die Spuren in viereinhalb bis acht Meter Tiefe unter einer dicken Lehmschicht. In einigen Monaten – die Grabungen sollen im Winter unterbrochen und erst im April wieder aufgenommen werden – wird man vielleicht wissen, ob es mit dem Wohlleben jener Schlemmerstadt wirklich so weit her war, wie schon antike Schriftsteller zu erzählen wußten.

Doch wird es nicht einfach sein, in dem versumpften Gelände an der Mündung des Crati, wo man einen Hafen für Supertanker anlegt, Spuren, jener üppigen Lebensfreude, deren einziges literarisches Erzeugnis ein Handbuch der Erotik gewesen sein soll, ans Licht zu bringen: etwa die angeblich so pompösen Betten und Polstersessel, die silbernen und goldenen Vogelkäfige (die Sybariten liebten es, sich mit Singvögeln zu umgeben), die bronzenen Kronleuchter, die von den Decken der Räume hingen, die berühmten Tontäfelchen aus Lokri mit Darstellungen aus der Mythologie und auch aus dem Alltag, mit denen die Wände geschmückt waren, oder jene zierlichen Schirme, mit denen Frauen und Männer sich vor der Sonne schützten, wenn sie sich von ihren Sklaven in Barken auf den Kanälen der Stadt spazierenrudern ließen.

Ob solche Zeugnisse ehemaligen Reichtums wie auch zum Beispiel Schmuckstücke (schon die Kinder trugen Goldschmuck) oder etwa Musikinstrumente (es heißt ja, die Sybariten hätten Massen von Musikern beschäftigt, vor allem abends natürlich, bei ihren ausgedehnten Festgelagen) oder auch Kochbücher und gar Anweisungen für Diät- und Schlankheitskuren gefunden werden, ist mehr als fraglich. Denn Sybaris wurde ja nicht, wie später Pompeji, mitten im Leben von einer Naturkatastrophe überrascht, sondern es wurde nach einem Krieg zerstört. Die Sybariten hatten also Zeit, das, was ihnen besonders lieb und teuer war, mitzunehmen, als sie an anderer Stelle neu siedelten. Ihre Stadt wurde von den Gegnern, ihren (ebenfalls griechischen) Nachbarn, den Einwohnern des nicht weniger reichen Kroton, dem Erdboden gleichgemacht, und über die Trümmer wurde der Crati geleitet.

Es heißt, daß die Bewohner des fernen Milet, die zu Sybaris enge Handelsbeziehungen hatten, anläßlich dieser Liquidation Trauerkleidung anlegten. Aber es war wie so oft in der Geschichte: Nicht das Entsetzen über die grausame Zerstörung, das alle Städte Großgriechenlands für einen Augenblick den Atem anhalten ließ, ist im Gedächtnis geblieben, sondern die Umkehrung, das heißt die nachträglich gezüchtete moralische Entrüstung über die Liquidierten und ihr angeblich so unfrommes, verweichlichendes Luxusleben. Wieder einmal hatte man ein Beispiel für die überall und immer wieder so beliebte und so brauchbare Lehre, daß Reichtum und Luxus ins Verderben führen.

Jahrhundertelang spottete man über die Ruhebänke, die an den Straßen von Sybaris standen, und nahm sie als Beweise übergroßer Faulheit seiner Bewohner. Man lachte über die sybaritischen Pferde, die dressiert worden seien, nach der Flöte zu tanzen, und infolgedessen auf dem Schlachtfeld versagten. Man entrüstete sich über die Vorliebe der Sybariten, sich Hunde und Affen zu halten, und über die Hochachtung, mit der sie ihre Köche behandelten. Man lächelte über ihre Lärmempfindlichkeit, die sie veranlaßt habe, das Krähen der Hähne zu verbieten (obwohl man doch sehr gut wußte, daß alle griechischen Städte die Geflügel-, ja überhaupt die Viehzucht innerhalb des Stadtgebietes verboten). Und noch nach mehr als zwei Jahrtausenden mußten Gymnasialschüler jenen Sybariten verachten, der bei einem Besuch in Sparta erklärt haben soll, er würde lieber den Tod eines Feiglings erleiden als ein solches Leben führen.

Freilich war das um 700 v. Chr. von den Achäern gegründete Sybaris eine reiche Stadt, neben Kroton wahrscheinlich die reichste ganz Großgriechenlands. Aber alle Städte Großgriechenlands und ebenso die griechischen Städte auf Sizilien waren wohlhabend, gemessen an ihren Mutterstädten in der Heimat von geradezu phantastischem Niveau. Weil daheim kein Platz mehr war, weil der Boden für die wachsende Bevölkerung nicht mehr genug Nahrung hergab, weil alles zu eng wurde und das ganze Leben in Gefahr geriet zu stagnieren, war es ja zu jenen zahlreichen Gründungen an den Küsten Siziliens, Unteritaliens und an der Côte d’Azur gekommen, immer dort, wo die Phöniker noch nicht saßen. Und nahezu alle diese Gründungen waren ungeheuer erfolgreich.

Da die Kolonisten dort unvergleichlich bessere Grundbedingungen vorfanden als in der Heimat – sehr viel mehr Raum, fruchtbareren Boden, manchmal gar noch reiche Bodenschätze –, hatten sie bald das fettere Vieh, die schnelleren Rennpferde, den besseren Wein und waren infolgedessen auch im Handel und schließlich auf nahezu allen Lebensgebieten erfolgreicher als die Mutterstädte. Ihre Städte waren nicht nur größer, sie waren auch großzügiger, besser geplant in der Grundanlage, praktischer, gesünder, schöner. Und das Leben war freier und luxuriöser.