Der Flecken ist auf kaum einer Straßenkarte zu finden, und die Bauern der Umgebung wissen von einem Verleger nichts, von einem Pferdezüchter er hingegen sehr viel: Richard Kaselowsky, der ein rundes Dutzend meist fachlich orientierter Zeitschriften herausbringt und nebenbei ein berühmtes Gestüt unterhält, nächster Verwandter der Oetker-Linie und Herr auf Gut Ebbesloh über Gütersloh in Westfalen, tat vor ein paar Jahren der Schallplattenindustrie den Gefallen und stiftete einen dekorativen Aufkleber, den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“, heute schlicht „Deutscher Schallplattenpreis“ genannt. Was den Amerikanern, Franzosen oder Holländern längst recht war, wurde so den Deutschen billig.

Carl-Heinz Mann, Sekretär dieses Preises, will dem Käufer die Orientierung erleichtern: Seht her, diese Platten scheinen einer Jury von Experten die besten des letzten Jahres zu sein. Allein bei der diesjährigen Preisverleihung mußte er monieren, daß die Firmen von dem Recht, den kreisrunden Aufkleber auf die Plattenhüllen zu pappen, gar nicht so intensiv Gebrauch machen. Warum also einen solchen Preis?

Fünfunddreißig Aufnahmen wurden für das Jahr 1969 ausgezeichnet, Mozart und die Beatles, Monteverdi und Luigi Nono, Wagners „Siegfried“ und die „Dreigroschenoper“ – fünfzehn Kategorien und ein Sonderpreis. Brav wird hier in Schubladen eingeteilt, was sich als „ernste“ Musik bezeichnet, auch wenn es einmal Unterhaltungsmusik war, Mozart und die Concerti grossi. Was heute unterhält, Freddy und Alexandra, was in Mengen verkauft wird und den Herstellern den eigentlichen Profit einbringt, Udo ’70 und die Rolling Stones, Heintje und Karel Gott, braucht keine Preise – ob es auch keine verdient?

Die deutsche Schallplattenindustrie, die immer so schwer an der Kultur trägt und doch Umsatz meint – wogegen ja, wenn es nicht so edel verbrämt, so trügerisch ummäntelt würde, nichts einzuwenden wäre – hat allen Grund, den Juroren böse zu sein. Was die Industriellen sich erhofften, eine zusätzliche Dekoration von Marktrennern, von Kassenschlagern, ist nicht eingetreten. Die dritte Sinfonie von Mahler oder seine „Kindertotenlieder“, Purcells „Te Deum“ und Mendelssohns „Elias“, das Porträt des Cellisten. Siegfried Palm und zwei Platten mit Musik aus Siegfried „Songs aus Andalusien“ und die Auschwitz-Kantate von Luigi Nono werden kaum ein paar Käufer mehr erbeuten. In den Bestseller-Listen der „E-Musik“ rangieren die Billigpreis-Angebote und die „Galakonzerte für Millionen“ vorn. Mit „Ungarischen Tänzen“ und „Zauberflöten“-Querschnitten werden die Umsätze gemacht.

Die Juroren hingegen hatten sich in den einsamen Höhen ästhetischer und technischer Qualität zu bewegen und entsprechend ihre Noten zwischen 0 und 10 zu verteilen, hatten im elfenbeinernen Turm ihrer vier Wände vor teuren Stereo-Anlagen die Kultur zu bewachen und anschließend bei Gulaschsuppe nach Gutsherrenart das Gefühl zu kultivieren, wieder einmal gute Arbeit geleistet zu haben. Die Kollegen vom „Grand Prix du Disque“ und vom „Edison“ schließlich werden erstaunt feststellen, daß sie ja die gleichen Platten so viel schlechter fanden und andere viel besser.

Den Käufer an der Plattenbar wird das alles gar nicht bewegen. Und den Product Manager in Köln, Hamburg und Gütersloh auch nicht. Warum sollte es auch? Jeder bleibt unter seinesgleichen, und jeder findet es gut so.

H. J. H.