Von Karl-Heinz Janßen

In der mittelalterlichen Festung Gaeta hoch über dem Tyrrhenischen Meer leben seit sechzehn Jahren zwei Gefangene aus der Zeit des letzten Krieges. Schwabe der eine, Sudetendeutscher der andere. Daheim in Stuttgart und im österreichischen Gallneukirchen warten seit Kriegsende zwei alte Mütter auf die Heimkehr ihrer Söhne. Aber die Gnade, deren sich Generäle und Weihbischöfe erfreuen dürfen, ist dem einstigen SS-Obristen und Polizeichef Herbert Kappler und dem ehemaligen SS-Major und Regimentskommandeur Walter Reder bisher nicht vergönnt gewesen. Beide Namen sind unauflöslich mit zwei Massakern verknüpft, die 1944 von deutschen Truppen in Italien verübt wurden. Die Erinnerung an jene Verbrechen ist in der Bevölkerung noch immer so stark, daß der italienische Staatspräsident Saragat es nicht wagen darf, diese letzten deutschen Kriegsverurteilten zu begnadigen.

Herbert Kappler, heute 62 Jahre alt, war Chef der deutschen Sicherheitspolizei in Rom, hart, energisch, gehorsam – so wie ein deutscher Polizeioffizier damals sein sollte. Er hätte in der zweiten deutschen Republik gewiß wieder sein Unterkommen gefunden, wäre nicht jener 24. März 1944 gewesen, ein Tag, an dem er vor eine Situation gestellt wurde, aus der er keinen Ausweg wußte.

In der Via Rasella waren zuvor 33 deutsche Soldaten einem Sprengstoffanschlag italienischer Partisanen zum Opfer gefallen. Hitler befahl, für jeden toten Deutschen zehn Italiener zu erschießen. Der Befehl wurde über Generalfeldmarschall Kesselring an den SS-Obersturmbannführer Kappler weitergeleitet.

Kappler gehorchte. Die meisten Geiseln holte er sich aus den Gefängnissen; außerdem ließ er 75 Juden zusammentreiben. Allerdings strich er Familienväter mit vielen Kindern von der Liste. Nach der Exekution in den Ardeatinischen Höhlen wurden 335 Tote gezählt, fünf mehr als befohlen. Dieser „Fehler“ brachte ihm 1947 eine lebenslängliche Haftstrafe ein.

Walter Reder, acht Jahre jünger als Kappler, war Berufsoffizier, tapfer, hart, gehorsam – wie dazumal ein SS-Mann sein sollte. Er hatte auf vielen Kriegsschauplätzen gekämpft, war bei Demjansk, bei Charkow dabei gewesen, hatte einen Arm verloren und das Ritterkreuz bekommen. Er hätte längst wieder ein ehrbarer Bürger der zweiten österreichischen Republik sein können, wäre da nicht jener 29. September 1944 gewesen.

An diesem Tage sollte der SS-Sturmbannführer Reder, Kommandeur der 16. SS-Panzer-Aufklärungsabteilung, auch „Frontfeuerwehr“ genannt, die Partisanenbrigade „Stella Rosa“ in den Berghöhlen des Apennin südlich Bologna angreifen und vernichten. Die Befehle seiner Vorgesetzten waren unmißverständlich. Generalfeldmarschall Kesselring: „Werden Soldaten... aus Ortschaften beschossen, so ist die Ortschaft niederzubrennen, Täter und Rädelsführer sind öffentlich aufzuhängen.“ Divisionskommandeur General Simon: „Die Operationen sind ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung und auf beiderseitige Verluste durchzuführen.“