Am Vorabend der bisher größten Antikriegsdemonstration in den USA hat die Kampftätigkeit in Südvietnam wieder zugenommen. Nach Angaben des US-Oberkommandos in Saigon kam es in den letzten Tagen in verschiedenen Teilen des Landes und in der südvietnamesischen Hauptstadt zu den schwersten Gefechten seit mehreren Wochen. Nach Ansicht alliierter Offiziere könnte die verstärkte Aktivität des Vietcong. und der Nordvietnamesen Beginn der erwarteten „Winteroffensive“ sein.

Währenddessen haben bei der Pariser Vietnam-Konferenz beide Seiten ihre Tonart verschärft. Der amerikanische Chefdelegierte Cabet Lodge warf Nordvietnam und der südvietnamesischen Revolutionsregierung vor, nur negativ auf die Rede reagiert zu haben, in der Präsident Nixon seine Verständigungsbereitschaft erneuert habe. Wie es in Paris heißt, hat Lodge direkte Anweisung aus Washington, bei den Verhandlungen eine deutliche Sprache zu führen. In einer – offiziellen Antwort auf die Vietnam-Rede Nixons hatte die Revolutionsregierung erklärt, der Krieg werde kein Ende nehmen, solange der Präsident die „amerikanische Aggression entweder mit amerikanischen Soldaten oder durch seinen bösartigen Plan der Vietnamisierung“ fortsetze.

Washington hat sich inzwischen auf den „Marsch gegen den Krieg“ vorbereitet, zu dem am Wochenende über 500 000 Menschen erwartet werden. Das US-Verteidigungsministerium hat einen Plan ausgearbeitet, nachdem notfalls innerhalb kurzer Zeit 28 000 um Washington stationierte Soldaten, von denen viele Erfahrung im Niederschlagen von Unruhen haben, zur Hilfe gerufen werden können. Das Justizministerium hat dem „Neuen Mobilisierungskomitee“, der von Quäkern bis zu Trotzkisten und Marxisten reichenden Dachorganisation des „Moratoriums“, die Marscherlaubnis vorbei am Weißen Haus verweigert. Die Organisatoren haben versichert, daß die Demonstration friedlich verlaufen soll.