Von Robert E. Hunter

Als der Sechs-Tage-Krieg am Morgen des 10. Juni 1969 zu Ende gegangen war, schien die Stellung der Sowjetunion in der arabischen Welt ruiniert zu sein. Ihre drei wichtigsten Schützlinge waren besiegt. Die Luftwaffe dieser drei Länder – Ägypten, Syrien, Irak – war ebenso wie die Jordaniens zum größten Teil zerstört. Die ägyptischen Streitkräfte waren keine schlagkräftige Armee mehr. Nicht einmal die russischen Offiziere, die in die Artilleriegefechte auf den Golan-Höhen eingegriffen haben sollen, hatten Israels totalen Sieg zu verhindern vermocht.

Damals muß es in Moskau heftige Debatten über die künftige Nahostpolitik gegeben haben: Wollte die Sowjetunion ihre Stellung in der arabischen Welt weiter ausbauen? Oder sollte sie diese Niederlage dazu benutzen, sich aus einer Reihe von Verpflichtungen zurückzuziehen, die im Laufe der Jahre immer kostspieliger geworden waren und die Sowjetunion in eine Konfrontation mit den USA hineinzuziehen drohten?

Vieles war zu berücksichtigen. Es war klargeworden, daß die Basis der sowjetischen Politik im Nahen Osten die Fähigkeit zur Beherrschung eines Konflikts war, daß aber die Dimensionen dieses Konflikts nicht annähernd mit den Auseinandersetzungen in Europa und Asien verglichen werden konnten. Die sowjetische Machtposition hing von den Beziehungen zu einer Handvoll arabischer Staaten ab, die sich in ihrer Haltung gegenüber dritten Mächten immer mehr davon leiten ließen, welche Position diese Staaten im Nahostkonflikt einnehmen. Und ihre Stellung wahren zu können, hatte die Sowjetunion die Politik dieser arabischen Staaten zu den ihren machen müssen. Hatte der Sechs-Tage-Krieg gezeigt, daß dieser Preis zu hoch war? Aus dem Nahostkonflikt hatte die Sowjetunion nur wenig wirklichen Nutzen ziehen können. Die Reichtümer der Natur waren ohne nennenswerte Bedeutung. Ideologisch hatten der sowjetische Kommunismus und der arabische Sozialismus, so wie er von Nasser und der Ba’ath-Partei entwickelt worden war, wenig oder nichts miteinander gemeinsam. Der arabische Protest gegen den westlichen Kolonialismus und Imperialismus war bestenfalls eine unsichere Basis für Moskaus Beziehungen zu diesen Regimen, deren Undankbarkeit gegenüber ausländischen Hilfen berühmtberüchtigt ist.

Warum Moskau bleibt

Wenn die russischen Überlegungen an diesem Punkt beendet gewesen wären, hätte der Juni-Krieg vielleicht zu einem Disengagement und nicht zur Übernahme neuer Verpflichtungen geführt. Andere Faktoren kamen jedoch hinzu. Etwa die symbolische Bedeutung des arabisch-israelischen Konflikts, und zwar nicht nur für Israels unmittelbare Nachbarn, sondern für alle arabischen Staaten – von Marokko bis zum Persischen Golf. Damit waren auch Fragen ihrer diplomatischen Beziehungen zu anderen Staaten (wie zur DDR), die Erteilung von ölkonzessionen und der arabische Boykott von Firmen, die mit Israel Handel trieben, aufgeworfen.

Als Symbol hatte der Nahostkonflikt auch für die Entwicklungsländer seine Bedeutung. Die Vorkonferenz für das Gipfeltreffen der blockfreien Staaten in Belgrad im Juli 1969 und die dort verkündete Unterstützung der Palästinensischen Befreiungsbewegung hatte das deutlich gemacht. Der Nahostkonflikt berührte sogar die sowjetisch-chinesische Rivalität – ideologisch und wegen des Einflusses in dieser Region.