Von Richard Alewyn

Wie alt ist die Detektivgeschichte? Die Antwort hängt davon ab, was man darunter versteht. Engländer und Amerikaner nennen als Geburtsdatum gern jenen April 1841, in dem in Philadelphia E. A. Poes „Murders in the Rue Morgue“ erschienen, weil hier zum ersten Male ein leibhaftiger Detektiv auftritt. Aber kommt es darauf so sehr an?

Die Frage klingt weniger paradox in einer Sprache, die neben der Bezeichnung „detective Story“ den Ausdruck „mystery story“ zur Verfügung hat, der der Sache ungleich gerechter wird. Denn um die Aufklärung eines Geheimnisses geht es, eine Detektion also, nicht um die Probleme eines Berufsstandes wie beim Künstlerroman oder beim Arztroman.

Allein aus der Formel Geheimnis und Aufklärung läßt sich nicht nur der gesamte Apparat der Gattung ableiten, sondern auch ihr Sinn und ihre Entstehung. Und was die strenge Form der späteren Detektivgeschichte angeht, so muß doch endlich einmal gesagt werden, daß in keiner der vier in Frage kommenden Erzählungen Poes alle ihre stereotypen Elemente versammelt sind. So geht es in der ersten, trotz ihres Titels, genau besehen, gar nicht um einen Mord. Denn wozu ein erschreckter Orang Utan fähig ist, ist allenfalls als Totschlag zu bezeichnen, und damit fehlen die Elemente von Motivierung und Planung, die für das Kalkül der Detektion so wesentlich sind.

Das Grundmuster Geheimnis und Aufklärung aber ist älter, wenn auch nicht so alt, um nicht noch „modern“ genannt werden, zu können. Es ist schon verschiedentlich auf die Erzählungen der deutschen Romantik hingewiesen worden, und diese Fingerzeige aufgegriffen zu haben, ist das Verdienst eines Buches von

Rainer Schönhaar: „Novelle und Kriminalschema“ – Ein Strukturmodell deutscher Erzählkunst von 1880; Verlag Gehlen, Bad Homburg; 233 S., 28,– DM.

Schönhaar legt in einigen Novellen von Kleist und vielen von E. T. A. Hoffmann eine Struktur frei, die er leider meist „Kriminalschema“ nennt, obwohl es erstens für Verbrechen kein allgemein anerkanntes Schema gibt und es sich zweitens in den befragten Texten auch gar nicht immer um ein Verbrechen handelt. Schönhaar würde das auch nicht bestreiten, denn er gebraucht und begründet daneben auch den richtigen Ausdruck „detektorisches“ Verfahren und geht dem Muster Geheimnis und Aufklärung mit allen seinen erzähltechnischen Finessen nach. Als Nebenprodukt ergibt sich dabei auch ein gehaltlicher Befund: „Zweideutigkeit“, der eine genauere Bestimmung hätte vertragen können. Das ist alles richtig und hätte durch eine ebenso wohlwollende Durchleuchtung des romantischen Romans (nicht nur in Deutschland) gestützt werden können.