Von Wolfgang Rieger

Athen, im November

Vom Verfassungsplatz in Athen, von den eleganten Hotels, den Straßencafes und dem Grab des unbekannten Soldaten am Schloß, in dem Ministerpräsident Papadopoulos amtiert, sind es nur ein paar hundert Schritte zu einem Bürogebäude in der Filellinonstraße 15. Im Keller ist ein Nachtklub, im Parterre ein Ausstellungsraum mit modernen Möbeln. Die Holzläden der Fenster in den oberen Etagen sind geschlossen. Wer nicht genau hinsieht, bemerkt weder den Stacheldraht auf dem Dach, noch fällt ihm die Traube von Polizisten am Nebeneingang auf.

Von jener gut bewachten Tür führt eine kahle, schmutzige Steintreppe zum dritten Stock im Hinterhaus. Die Treppe endet in einem Korridor, in dem so viele Gendarmen stehen, daß sie sich gegenseitig auf die Füße treten. Links und rechts des Ganges liegen drei, vier kleine Büros, eine Friseurstube und eine Kaffeeküche. Am Ende geht es durch eine Flügeltür in einen knapp 20 mal 10 Meter großen Raum. Dort tagt ein griechisches Militärgericht. Seit dem 20. Oktober ist der Saal wieder einmal der Schauplatz einer Serie von Sonderprozessen.

Unter der Decke baumeln an langen Drähten starke Glühbirnen und beleuchten grell die Szene. Auf einigen der Bänke, zwischen Wachmannschaften eingepfercht, sitzen die Angeklagten: Studenten, Arbeiter, Angestellte, Professoren, Techniker und ehemalige Angehörige der Armee. Vorn auf der Empore haben auf hohen Ledersesseln fünf Richter, ein Staatsanwalt und ein Protokollführer Platz genommen. Alle tragen Uniform. Werden die weiß gestrichenen, teils mit Packpapier verklebten Fenster einmal geöffnet, blickt man durch Gitterstäbe hinaus auf die Balkone bürgerlicher Wohnhäuser. Eine Frau hängt Wäsche zum Trocknen auf. Sie schaut nicht herüber.

Während der vergangenen drei Wochen wurden vor dem Militärgericht in Athen in einer Kette von Einzelverfahren über 40 Angeklagte abgeurteilt. Vorgeworfen wurden ihnen folgende strafbare Handlungen: Bombenanschläge, der Besitz und die Weitergabe von Sprengstoff, die Mitgliedschaft in verbotenen Untergrundorganisationen, das Herstellen und Verbreiten Ton regierungsfeindlicher Propaganda, die Vorbereitung eines Umsturzes. Einige der Angeklagten hatten Teilgeständnisse abgelegt. Oft jedoch konnte sich das Militärgericht nur auf die Aussagen von Beamten der Sicherheitspolizei stützen. Die Beweiskraft dieser Aussagen wurde von den Zivilgerichten mehrfach angezweifelt.

Die Notstandsverordnung 509 aus der Zeit des griechischen Bürgerkrieges, mit der man praktisch alles zu Straftaten machen kann, diente wie in den meisten früheren Verfahren als Grundlage der Gerichtsurteile. Neben wenigen Freisprächen und einigen zur Bewährung ausgesetzten Strafen lautete das Urteil für zwei Angeklagte lebenslänglich; in den meisten anderen Fällen wurden höhe Freiheitsstrafen bis zu 25 Jahren Gefängnis ausgesprochen. Zwei Studentinnen, die schon einmal verurteilt worden waren, erhielten jetzt noch eine zusätzliche Strafe. Bei den einzelnen Verfahren war das Strafmaß zum Teil sehr unterschiedlich, obwohl den Verurteilten ähnliche Straftaten vorgeworfen worden waren.