/ Von Joachim Schwelien

Washington, im November

Kurz nach der Wiederwahl John Lindsays zum Bürgermeister von New York kursierten in der Stadt Gerüchte, er werde in absehbarer Zeit zur Demokratischen Partei übertreten. Diese Vermutungen – auch wenn sie nicht sogleich bestätigt werden – sind nicht ganz ohne Anlaß.

Als Kandidat der Republikanischen Partei war der junge, hochgewachsene und hoffnungsvolle Politiker 1965 zum ersten Male auf vier Jahre zum Bürgermeister der Metropole gewählt forden, einen der schwierigsten politischen und verwaltungstechnischen Posten in Amerika. Bei den Vorwahlen zur Bürgermeisterwahl in diesem Jahr schlug ihn der konservative Bewerber der Republikaner, der Senator im Landesparlament des Staates New York, John J. Marchi. Gegen ihn und den hausbackenen Kandidaten der antiquierten demokratischen Parteimaschine, Mario Procaccino, der wie Marchi das Wahlkampfthema von Ruhe und Ordnung oder der Kur für sozialpolitische Spannungen mit Polizei und Gericht zu Tode ritt, siegte Lindsay, wenn auch nur mit einer Minderheit der abgegebenen Stimmen.

Lindsay stützte sich auf eine Kombination der von ihm ins Leben gerufenen Unabhängigen Wählergemeinschaft und der nur in New York als Organisation bestehenden Liberalen Partei. Viele Demokraten, unter ihnen der frühere Bürgermeister Wagner, stimmten lieber für ihn, der sich auf ein Bündnis der wohlhabenden Oberklasse und der Gebildeten mit den ärmeren Bevölkerungssegmenten der Neger und der Puertorikaner verließ, als für ihren Parteifreund Procaccino, der als rauhbeiniger Funktionär an die Instinkte und die Primitiv-Reaktionen des Mittelstandes appellierte.

Von seiner Republikanischen Partei, zu deren liberalen Flügel er seit seinem Eintritt in die Politik zählt, im Stich gelassen und mit den Stimmen vieler Demokraten gewählt, die nach der Wählerregistrierung in der Stadt New York den Republikanern mit rund 3:1 überlegen sind, könnte John Vliet Lindsay tatsächlich einen Parteiwechsel erwägen. Noch immer ist die Demokratische Partei die eigentliche Massenpartei, noch immer sind die Republikaner trotz der Wahl Nixons zum Präsidenten und ansehnlichen Erfolgen in den Gouverneurswahlen die Partei der sozial privilegierten Minderheit. Die Demokraten sind führungslos; Hubert Humphrey gilt als ausgelaugt und abgewirtschaftet, Edward Kennedy hat nach dem folgenreichsten Autounfall des Jahrhunderts – bei dem die frühere Sekretärin seines ermordeten Bruders, Mary Jo Kopechne, ums Leben kam – keine überzeugenden Führungschancen mehr; und Eugene McCarthy schwimmt in der Zwielichtzone einer eventuellen Parteineugründung der progressiven Linken. Von hier aus betrachtet könnte Lindsay bei einem Übertritt zum rechten Zeitpunkt und mit schicklichem Anlaß für die Demokratische Partei das werden, was sie nötiger als irgendeine Reorganisation braucht: ein Bannerträger für die Präsidentenwahl von 1972, der Richard Nixon aus dem Sattel hebt.

Doch sprechen auch einige Gründe gegen einen vorzeitigen Übertritt. So zerfallen die Demokratische Partei nach dem Johnson-Kladderadatsch auch immer noch erscheint, so schnell könnte sie gegen einen Außenseiter und Konvertiten Front machen; ihre Noch-Prätendenten und ernsthaften Bewerber im Hintergrund jedenfalls – wie Senator Muskie –, würden vor John Lindsay nicht kampflos das Feld räumen. Der New Yorker „OB“ erwägt daher, zunächst bei der nächsten Gouverneurswahl im Staat New York einen demokratischen Kandidaten gegen Nelson Rockefeller – oder wie immer der republikanische Bewerber heißen wird – öffentlich zu unterstützen. Führt das oder ein ähnliches Manöver zum Erfolg, hätte Lindsay jedenfalls eine fleckenlose Eintrittskarte für die Demokratische Partei in der Hand.