Von Max E. Ammann

Vor 100 Jahren, am 6. November 1869, trafen sich zwei amerikanische Universitäten, Rutgers und Princeton, zu einem Football-Match. Es war nicht viel mehr als leicht modifizierten Fußball (Soccer), was die beiden Teams spielten, wobei der Unterschied in erster Linie darin bestand, daß Schieben und Stoßen sowie Berühren des Balles mit der Hand erlaubt waren. Auf jeder Seite spielten 25 Studenten, aber der Ball war rund wie ein Fußball. Der Dreß dagegen, den die Spieler trugen, kam vom Rugby.

Dieser 6. November 1869 wird nun in diesem Jahr in den USA als der Beginn des American Football gefeiert. Die amerikanische Postverwaltung gab eine Gedenkmarke heraus, und kürzlich wurde auf dem Rutgers Campus dieses erste „Football-Spiel“ durch 25 Rutgers- und 25 – Princeton – Studenten wiederholt. Aber genau wie beim Baseball solche „ersten Spiele“ disputiert werden, gibt es auch im Falle Football viele Stimmen, die das Rutgers-Princeton-Spiel des Jahres 1869 nur als Episode, nicht aber als eigentlichen Beginn des American Football bezeichnen. Diese Skeptiker datieren das erste richtige Football-Spiel ins Jahr 1874, als sich Harvard und die kanadische Universität McGill zu einem Vergleichskampf trafen.

Tatsächlich scheint das Harvard-McGill-Spiel des Jahres 1874 viel eher eine direkte Beziehung zum heute gespielten American Football zu haben als das fußballähnliche Rutgers-Princeton-Spiel fünf Jahre zuvor. Aber wo es um Traditionen geht, zählen fünf extra Jahre, auch wenn, es keine Überraschung wäre, wenn man im Jahre 1974 das Harvard-McGill-Spiel mit ähnlichen Jubiläumspauken feiern würde wie heute den Rutgers-Princeton-Match.

Nach dem Spiel vom 6. November 1869 in Rutgers setzten sich die Sportführer der damals führenden Universitäten der Ostküste Amerikas zusammen und versuchten, die im Rutgers-Princeton-Spiel angewendeten Regeln zu kodifizieren. Yale, Columbia, Princeton und Rutgers nahmen an, aber Harvard lehnte ab. Es zog das sogenannte „Boston-Spiel“ vor, das ein Rennen und nicht nur ein Kicken mit dem Ball erlaubte wie die Rutgers-Princeton-Version. Die erste offizielle Verwirklichung des „Boston Game“ war das erwähnte Spiel zwischen Harvard und McGill im Jahre 1874. Es erwies sich bald als der Rutgers-Princeton-Version überlegen und wurde von den restlichen Universitäten übernommen.

Diese Hartnäckigkeit Harvards rettete mit aller Wahrscheinlichkeit den American Football vor einem frühen Tod, ist es doch undenkbar, daß die primitive Mischung von Fußball und Rugby, wie sie 1869 von den Rutgers- und Princeton-Studenten erstmals vorgeführt wurde, 100 Jahre alt geworden wäre. Das von Harvard propagierte „Boston Game“ hatte dank der Regel, die das Rennen mit dem Ball erlaubt, alle Voraussetzungen, ein populäres Kampfspiel zu werden. Einige Regeländerungen seither machten American Football zum populärsten Collegesport der USA, und das Fernsehen erhob es schließlich zu Amerikas Sport Nr. 1.

Die erste Regeländerung kam bereits im Jahre 1880, als der Quarterback geschaffen wurde, der heute die zentrale Figur jedes Teams ist, mit dem oft die ganze Mannschaft steht oder fällt. 1905 schließlich kam eine umwälzende Neuerung: Der Forward Pass, also der Kick nach vom, wurde eingeführt, was einige knochenbrechende Brutalitäten des bisherigen Spiels ausschaltete.