„Die mutige Mattie“, Roman von Charles Portis. „Heutzutage glaubt kein Mensch, daß ein vierzehnjähriges Mädchen mitten im Winter sein Elternhaus verlassen könnte, um den Mord an seinem Vater zu rächen; aber damals erschien das nicht so seltsam – wenn ich auch sagen muß, daß es nicht alle Tage vorkam. Ich war eben vierzehn, als ein Feigling namens Tom Chaney meinen Vater unten in Fort Smith, Arkansas, über den Haufen schoß und ihm sein Leben, sein Pferd, 150 Dollar in bar sowie zwei kalifornische Goldstücke. raubte, die er im Hosenbund trug.“ So beginnt die rauhe und komische Wildwestgeschichte der kleinen Göre Mattie Ross, wie sie sie viele Jahre später als alte Jungfer niederschreibt, scheinbar – denn was sich so frappierend echt wie ein authentisches altertümliches Erinnerungsbuch aus den wilden Tagen des Far West ausnimmt, hat ein listiger amerikanischer Reporter im Zeichen der gerade wieder auflebenden Western- und Frontier-Renaissance meisterhaft erfunden. Im Grunde ist das ein historischkritischer Heimatroman, denn Portis ist tatsächlich in nächster Umgebung jener Ebenen und Berge von Arkansas zu Hause, durch die er seine resolute Mattie zusammen mit dem einäugigen US-Marshall Rooster Cogburn und dem jungen Texas-Ranger LaBoeuf hinter diesem Banditen Tom Chaney herjagen läßt, und der abenteuerlichen Legende hat Portis eine kräftige Portion realistischer Details und entmystifizierender Schatten verpaßt; die Gesetzeshüter, sind da genauso üble Burschen wie die Gesetzesbrecher und wie diese hinter nichts als einer Handvoll Dollars her. (Rowohlt Verlag, Reinbek; 221 S., 16,80 DM) Siegfried Schober

„Selbstmord und Selbstmordversuch“, von Erwin Stengel. Jeder Selbstmord nichts als ein mißglückter Selbstmordversuch? Jeder Selbstmordversuch nichts als ein hysterischer, erpresserischerAppell an vielbeschäftigte Verwandte? Der Autor – Psychiater, Psychoanalytiker und Präsident der Internationalen Vereinigung für Selbstmordverhütung – prüft diese bequemen Laienmeinungen ebenso wie die verschiedenen wissenschaftlichen Lehrmeinungen. Subjektive Motive, objektive Bedingungen, die Methoden der „Selbstmordbehandlungen“, ihre Häufigkeit und ihre Auswirkungen werden dargestellt. Stengel kommt zu der Auffassung, daß weder jene mit tödlichem noch jene mit nichttödlichem Ausgang als zielgerecht angesehen werden können: Gerade die „Risikobereitschaft“ sei das wesentliche psychodynamische Merkmal der Selbstmordhandlungen. Sie sei in einer ambivalenten Haltung zum Leben begründet. Wie dieser Risikobereitschaft durch Einrichtungen, die eben jene Ambivalenz ausnützen (wie etwa die Telephonseelsorge), begegnet werden kann und welche Verhältnisse geschaffen werden müssen, um’solche Risikobereitschaft. erst gar nicht aufkommen zu lassen, zeigt das letzte Kapitel des Buches. (Reihe Conditio Humana, Verlag S. Fischer, Frankfurt; 153 S., 12,– DM)

Elena Schöfer

„heiß“, Roman von Libero Bigiaretti. Was sich in diesem Buch zunächst als gewöhnliche Dreiecksgeschichte anläßt, entpuppt sich in dessen zweiter Hälfte als ungewöhnliche. Gleichwohl, Dreieck bleibt Dreieck. Und eine Dreiecksgeschichte könne man heute nicht mehr schreiben, sagte Peter O. Chotjewitz, nachdem er eine geschrieben hatte. Bigiaretti ist offensichtlich anderer Ansicht und schrieb mit „hinreißender Ironie, Vitalität, Vorurteilslosigkeit und kühnem psychologischen Raffinement“, wie es so schön heißt, eine Dreiecksgeschichte. Absatzfördernder Unsinn das alles. Ein junges italienisches Ehepaar in den Ferien. Ein junger attraktiver Fremder erscheint auf der Bildfläche. Verwicklungen bahnen sich an. Wie sich später zeigt, werden sie aber nur zur Irreführung des Lesers erfunden. Denn das wahre Drama dieses Romans entwickelt sich erst dann aus den geheimen Neigungen des als zu hörnend eingeführten Ehemannes. Auf wen sich dessen Wünsche richten, verrate ich nicht, weil damit die einzige Pointe preisgegeben wäre, die das Buch besitzt. (Scherz Verlag, München; 206 S., 16,80 DM)

Helmut Salzinger