Von François Bondy

Bald jährt sich zum hundertsten Male der preußisch-französische Krieg, an dessen Ende zweifach „Versailles“ steht – der Ort der Ausrufung des deutschen Kaiserreiches und der Sitz der Regierung Thiers, die die Pariser Kommune aufs blutigste niederzwang. Es war ein guter Einfall, aus den Tagebüchern der Brüder Goncourt, die der überlebende und untröstliche Bruder allein weiterführte, die Aufzeichnungen zwischen Juli 1870 und Juli 1871 herauszugeben –

Edmond de Goncourt: „Tagebuch der Belagerung von Paris 1870–1871“, eingeleitet von Jörg Drews, Auswahl und Übersetzung von W. Fred und Karin Sanwald; Verlag Rogner & Bernhard, München; 200 S., kart. 9,– DM.

Da im vergangenen Jahre Übersetzungen von „Die Dirne Elise“ und von „Die Brüder Zerngano“ erschienen sind, ist für deutsche Leser der Name Goncourt nun vielleicht doch mehr mit dem Werk zweier Romanciers, Chronisten und Sittenhistoriker verbunden als mit dem jährlich und nicht immer überzeugend von der Academie Goncourt vergebenen Romanpreis.

Die beiden Goncourts lebten in Auteuil, am Rand des Bois de Boulogne, wie so viele Schriftsteller des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Ich lese um so lieber in ihren Tagebüchern, als ich keine hundert Meter von der Stelle wohne, wo einst die Villa der Goncourts stand und wo jetzt Asphalt den Boden deckt, auf dem damals die Reben wuchsen, aus denen der „Wein von Auteuil“ gekeltert wurde – und wenn nachts das Rattern der Lastwagen über die Außenboulevards den Schlaf verscheucht, so tröstet mich, daß die Goncourts zu ihrer Zeit über den unerträglichen Lärm der Stallungen und der Pferdewagen klagten.

Damals war das Dorf mit Paris durch eine idyllische Eisenbahn verbunden, die noch heute verkehrt. Die Belagerung durch die Preußen bedeutete für Edmond, daß diese Bahn nur bis Passy fuhr und Auteuil noch merkbarer außerhalb von Paris lag – und besonders viele Granatsplitter und Kanonenkugeln auf dessen Häuser fielen. Dieser Gefahr setzte er nur seine Haushälterin Pélagie aus, die über seine kostbaren Sammlungen und Bibelots wachte,, während er selber sich nach Paris begab, wo er die literarischen Magny-Diners – die nunmehr bei Brebant stattfanden – nie versäumte, auch wenn jetzt dem Gourmet nur Pferde- oder gar Hundefleisch serviert wurde.

Edmond de Goncourt war ein „Naturalist“ wie Emile Zola und ein Anhänger der impassibilite, der kühlen, leidenschaftslosen Beobachtung wie sein Freund Gustave Flaubert. In den Romanen der Brüder ist das Elend der „unteren Schichten“ mit einem bis dahin nie erreichten Realismus geschildert – nicht ohne Mitleid, aber ganz ohne die flammende Empörung Zolas. Leidenschaftlich waren die Goncourts nur in ihrer Sammlerwut, mit der sie zu den Entdeckern der japanischen Kunst und den Wegbereitern des fin de siècle wurden. Das erlebte Grauen der Belagerung von Paris, der Kommune und der auf die „Befreiung“ folgenden Massenerschießungen wird zu einem Einsammeln von Bildern, von Impressionen – sehr anders als die Mischung von ironischer Beobachtung und kalter Wut, die Guy de Maupassants Novellen aus diesem Krieg unsterblich machte. Alles wird hier zu Szenen, Anekdoten, Bonmots, mehr mit Neugier als mit Beteiligung verzeichnet.