Düsseldorf

Unter den Trauerweiden im herbstlichen Rheinpark habe die CDU Platz genommen, wollte ein sarkastischer Unionsfreund wissen, der Stimmung und Ausblick im christlich demokratischen Lager zu Düsseldorf charakterisierte. Denn die Männer um Oppositionsführer Wilhelm Lenz haben um ein Haar den Sieg verpaßt, der ihnen von der mittlerweile schon gefürchteten Gilde allzu fleißiger Hochrechner eine Stunde nach Wahllokalschluß verkündet worden war.

Immerhin hat sich der sozialdemokratische Vorsprung beachtlich verringert. Dem CDU-Debakel bei der letzten Landtagswahl (42,8 Prozent) und der nächsten Niederlage bei der Bundestagswahl (43,6) folgte jetzt, sechs Wochen später, ein Aufgalopp bei den Kommunalwahlen (45,3). Nur mühsam konnten sich die Sozialdemokraten mit 46,1 Prozent als stärkste Partei behaupten, während die FDP sich glücklich preist, allen Unkenrufen zum Trotz nicht untergegangen zu sein, wenngleich mit 6,1 Prozent der Stimmen kein Staat Zu machen ist.

Der Sturm in der Wahlnacht hinderte Ministerpräsident Heinz Kühn, das Landtagsgebäude zu verlassen und bei der Bahnhofsblumenhandlung einen Strauß dunkelroter Rosen für seine Ehefrau zu bestellen, die im heimatlichen Köln-Dellbrück ihren Ratsherrensitz namens der SPD nicht nur erfolgreich verteidigt, sondern ihn gar zu einer absoluten Mehrheit ausgebaut hatte. „Marianne ist die beste“, lobte sie Düsseldorfs Regierungschef voll Besitzerstolz. Diese Erleichterung kam erst nach einer Serie von Wechselbädern, die vor allem SPD und CDU überstehen mußten. Kaum hatte CDU-Oppositionsführer Dr. Wilhelm Lenz den großen Sieg vom Computer signalisiert bekommen und sich entsprechend glücklich geäußert, traf ihn der Keulenschlag aus dem nächsten Rechenzentrum. Kaum hatte sich der SPD-Landesvorsitzende mit der knappen Niederlage abgefunden und sich in kunstvollen Wortgebilden durch die neue Situation hindurchgeredet, da wurde ihm das Gegenteil gemeldet. Der in Bad Mergentheim kurende FDP-Landesvorsitzende Willi Weyer hatte auch eine unruhige Nacht, denn einmal waren die Liberalen erledigt, das andere Mal hingegen erstarkt.

Das Minus bei der SPD überwog vor allem in den alten Hochburgen zweier Jahrzehnte. Zwar konnte die CDU die roten Rathäuser nicht stürmen, wohl aber die sozialdemokratischen Positionen schwächen. In Dortmund ging die SPD von 61,2 auf 57,3, in Wattenscheid von 60,3 auf 51,0, in Köln von 57,4 auf 53,3, in Duisburg von 56,9 auf 54,1 und in Hamm von 46,4 auf 40,7 Prozent zurück. Hier errang auch die CDU einen ihrer größten Erfolge, nämlich 53,1 Prozent, was ein Plus von acht Prozentpunkten gegenüber der letzten Kommunalwahl ausmacht.

Für die Freien Demokraten endete die Wahl mit einem blauen Auge. Obwohl nach dem von Kiesinger angekündigten Rachefeldzug das Schlimmste zu befürchten war, haben die Liberalen in einer Reihe von Städten und Gemeinden die Rückkehr in die Rathäuser geschafft oder aber den von der CDU proklamierten Rausschmiß verhindert. Von Köln über Düsseldorf, Duisburg, Mülheim/Ruhr, Wuppertal, Recklinghausen, Münster, Bielefeld, Rheydt, Solingen, Remscheid, Hagen und Dortmund zieht sich die kommunalpolitische FDP-Kette quer durch Nordrhein-Westfalen.

Wahrscheinlich wäre hie und da der FDP-Stimmenanteil besser gewesen, hätten sich nicht rund drei der zehn Millionen Wähler entschlossen, an diesem stürmischen Sonntag zu Hause zu bleiben, sei es aus Bequemlichkeit, Langmut oder stillem Protest gegen die aufeinanderfolgenden Bundestags- und Kommunalwahlen. Am meisten geschadet haben die Nichtwähler den Sozialdemokraten, wie sich an Hand der Wahlbeteiligung leicht ablesen läßt. Dort wo nur 60 Prozent abstimmten, errang durchschnittlich die CDU ihre größten Erfolge. Dort, wo 70 Prozent der Wähler auf den Beinen waren, hat die SPD so gut wie nichts verloren. Gleichwohl bestätigen Ausnahmen auch in diesem Fall die Regel. In Oberhausen, wo Oberbürgermeisterin Luise Albertz seit 15 Jahren ihren Mann steht, verteidigten die Sozialdemokraten mit 53,4 Prozent gegenüber 54,8 im Jahre 1964 auffällig gut ihre Bastion, zumal die CDU von 40,9 nur auf 41,4 kam.

Möglicherweise hat in dieser Kumpelstadt auch die Wahlkampfregie den Ausschlag gegeben. Die SPD kämpfte hier von Straße zu Straße „um unsere Luise“, und Heinz Nehrling, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion sowie wiedergewählter Ratsherr von Oberhausen, mobilisierte alles. Nehrling zog mit einem Leierkasten durch die Stadt und verschenkte Groschen, die ihm mildtätige Hausfrauen aus Küchenfenstern und Ladentüren zugeworfen hatten, weil er „so schön orgelte“. Es war ein großer Jux, vermutlich der einzige in diesem sonst so faden Kommunalwahlkampf mit müden Kandidaten und leeren Kassen. Horst-Werner Hartelt