Von Karoll Stein

Repräsentative Selbstdarstellung zum 20. Jahrestag, dieser Wunsch hat in der DDR im vergangenen Jahr zu einer starken Erhöhung des Bauvolumens geführt. Große Zeit für Baubrigaden. Aber auch eine andere Berufsgruppe hat am Boom in der Bauindustrie entschieden profitiert: die bildenden Künstler. Ähnlich wie in der Bundesrepublik gibt es in der DDR so etwas wie eine „Zwei-Prozent-für-die-Kunst“-Klausel, das heißt, ein bestimmter Prozentsatz der Bausumme aller öffentlichen Bauten muß für künstlerische Zwecke ausgegeben werden. Da es aber im Sozialismus keine private Bauwirtschaft gibt, bringt das den Künstlern der DDR eine viel größere Beteiligung als ihren westlichen Kollegen. Und nach dem Satz, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt, hat die ungewöhnlich gute Auftragslage im 20. Jahr der Republik auch zu einem ungewöhnlichen Selbstbewußtsein der Künstler geführt. Ronald Paris zum Beispiel, einer der begabtesten Künstler der jüngeren Generation, malt im neuen Hauptamt für Statistik am Alexanderplatz ein großes Fresko nach dem Gedicht von Brecht „Lob des Kommunismus“. Am rechten Rand hat Paris sich selbst porträtiert – nach dem Vorbild der großen Freskomaler der Renaissance.

Was in den letzten Jahren an baugebundener Kunst entstanden ist, darüber informiert die Ostberliner Ausstellung „Architektur und bildende Kunst“, die zum Jahrestag eröffnet wurde und noch bis Ende des Jahres zu sehen ist. Die Monstreschau ist das Endergebnis von 15 Ausstellungen aus den Bezirken der Republik. Malerei, Graphik und Plastik machen nur einen Teil aus, zugleich wird in Modellen und Photos Architektur aus den vergangenen zwanzig Jahren gezeigt. Generalbebauungspläne der Stadt- und Bezirksämter geben eine Vorstellung von der zukünftigen Entwicklung. Ungewöhnlich hohe Besucherzahlen, viele Führungen, engagierte Diskussionen vor den einzelnen Modellen beweisen, daß Fragen der Architektur und Stadtplanung auch ein Publikum interessieren, das sonst sicher nicht ins Museum geht.

Enttäuschend ist die Abteilung Malerei und Graphik in der Nationalgalerie. Man möchte eigentlich annehmen, daß es in der DDR so etwas wie eine gute akademische Schule gäbe, hier aber dominiert dilettantisches Kunstgewerbe, mit einigen Ausnahmen selbstverständlich.

Unkonventionelle Lösungen dagegen findet man im Bereich der angewandten Kunst, etwa einige phantasievolle Kinderspielplastiken, deren serieller Aufbau und klare Farbigkeit an Hardedge-Projekte denken lassen. Nur daß diese Plastiken auch noch eine praktische Funktion haben: Die Kinder machen von der neuen Spiel- und Klettermöglichkeit auf dem Marx-Engels-Platz begeistert Gebrauch.

Viel weniger gewachsen zeigen sich die meisten Bildhauer der Aufgabe, sozialistische Denkmäler zu schaffen. Hier hat Lenins Postulat einer „Monumentalkunst“ zu fatalen Folgen geführt, denn Monumentalität ist gewiß nicht eine Frage des großen Formats. Gerade so aber wird diese Forderung in den meisten Fällen mißverstanden. Da ist etwa der Entwurf zu einem Lenin-Monument von Professor Nikolai Wassiljewitsch Tomski, dem Präsidenten der Akademie der Künste der UdSSR. Der Revolutionär vor einer Fahne, die kleinlichen Verkantungen machen den Eindruck einer Nippesfigur; aber diese Plastik soll dereinst als 17 Meter hohe Granitstatue die neue Hochhaussiedlung am Friedrichshain schmücken. Eines der wenigen positiven Gegenbeispiele: Fritz Cremers Entwurf für das Zentrum von Karl-Marx-Stadt „Und sie bewegt sich doch“, eine Darstellung des Galilei. Die kniende Gestalt ist zu einem plastischen Block zusammengefaßt, der nur durch die große Geste des erhobenen Arms aufgebrochen wird, und diese formale Spannung, entspricht der inhaltlichen Dialektik, Galilei, der unter dem Zwang der Kirche der eigenen Wahrheit abschwört, um sie desto sicherer durchzusetzen.

Über das Verhältnis von bildender Kunst und Architektur ist in den Zeitschriften der DDR in letzter Zeit viel geschrieben worden. Wenn die Zweiprozentklausel mehr sein soll als eine soziale Hilfestellung für die Künstler, genügt es nicht, nach Gelingen oder Scheitern einzelner Auftragsarbeiten zu fragen, dann muß vielmehr der Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Gebäude und dem ihm zugedachten künstlerischen Schmuck diskutiert werden.