Andere Reifen – bessere Straßenlage, weniger Benzin, schneller in den Kurven. Solche Äußerungen kann man in jüngster Zeit häufig von Autofahrern hören. In der Tat ist daran etwas Wahres, wenn auch mit Einschränkungen.

Das Wunder heißt Gürtelreifen, genauer: Radialreifen. Die französische Reifenfirma Michelin brachte ihn wenige Jahre nach dem Kriege, 1949, heraus. Er war eine Sensation auf dem Reifenmarkt, und seit Mitte der fünfziger Jahre, als man ihn auch hierzulande kaufen konnte, gibt es Autofahrer, die auf ihn schwören.

Der Unterschied zu den seither und auch heute noch vorwiegend gebauten Reifen steckt im Unterbau der Radialreifen, Da liegen, in Gummi eingebettet, mehrere Gewebelagen übereinander. Während bei den Normalreifen die Fäden der einzelnen Gewebelagen diagonal übereinander liegen, hat der Radialreifen einen Gürtel, dessen Fäden leicht gekreuzt in Laufrichtung des Reifens liegen. Ein solcher Gürtel, der übrigens aus Textil- oder auch aus feinen Stahlfäden bestehen kann, ist praktisch nicht mehr dehnbar, kann also seinen Durchmesser beim Fahren nicht verändern. Seine Lauffläche kann sich nicht wie bei Normalreifen mit wachsender Geschwindigkeit zunehmend aufbauchen. Dadurch gibt es bei der Berührung mit der Fahrbahn keine Querbewegungen innerhalb des Profils. Jedes Profilteilchen bleibt während der Abrollbewegung an dem Platz, auf den es aufgetroffen ist. Bei Normalreifen macht dagegen ein großer Teil des die Fahrbahn berührenden Profils einen kleinen Seitenrutscher. Der Radialreifen hat infolgedessen eine viel bessere Bodenhaftung.

In früheren Jahren, in der Pionierzeit sozusagen, kam es gelegentlich vor, daß ein allzu forsch durch die Kurve gezogener gürtelbereifter Wagen ausbrach, weil die Bodenhaftung ganz plötzlich, und zwar vollständig, verlorenging. (Diagonalreifen hätten das Wegrutschen „vorangemeldet“.) Diese „Eigenart“ ist inzwischen behoben.

Bei dem stabilen Gürtel der Radialreifen verringert sich wegen der fehlenden Querbewegungen auch der sogenannte Rollwiderstand, das spart in der Tat Benzin und gibt ein wenig mehr „Spitze“. Die fehlende Profilwalkerei hat außerdem einen wesentlich geringeren Gummiverschleiß zur Folge. Deshalb ist die Lebensdauer der Radialreifen länger, sie laufen oft doppelt so viele Kilometer wie konventionelle Reifen.

Radialreifen sind freilich teuer. Und sie sind – zum Kummer der Reifenindustrie – nicht so einfach maschinell herzustellen. Ein Radialreifen braucht in den entscheidenden Augenblicken der Produktion viel Handarbeit, er muß von qualifizierten Arbeitern „gewickelt“ werden.

Die Gürtelreifen-Euphorie, die schnell die Reifenhersteller ergriffen hatte, wurde anfangs in den Automobilwerken keineswegs allgemein geteilt. Die Vorteile des Radialreifens wurden nicht bestritten. Man argumentierte so: „Unser Fahrzeug ist. für Gürtelreifen nicht geeignet.“ Es fehlte tatsächlich oft an der rechten Fahrwerkabstimmung für Radialreifen, so daß manches mit Diagonalreifen sanft dahinfahrende Auto mit Radialreifen plötzlich an Fahrkomfort verlor. Diese Probleme sind inzwischen behoben: Man kann jedes Auto – auf Wunsch und gegen Aufpreis – mit Radialreifen geliefert bekommen oder auf Radialreifen umrüsten.