Klaus-Jürgen Müller: „Das Heer und Hitler. Armee und nationalsozialistisches Regime 1933–1940“; in: „Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte“, hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, 10. Band; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1969; 712 Seiten (583 Seiten Text mit Dokumentenanhang), 38,– DM.

Manche Gegner Hitlers hatten im Dritten Reich ihre Hoffnungen auf die Reichswehr gesetzt. Sie wurden immer wieder enttäuscht. Warum, wird erst jetzt aus neuen Forschungen zur Militärgeschichte jener Zeit erklärlich. Das Buch von Klaus-Jürgen Müller zeigt, wie sehr sich die Wehrmacht und ihre Führung in den Jahren 1933 bis 1940 immer mehr in die Maschen des nationalsozialistischen Staates verstrickte und verstricken ließ. Reichswehr- und Heeresleitung haben, trotz nicht unerheblicher Nuancen, die große Linie der nationalsozialistischen Politik akzeptiert; ihre Männer waren keine potentiellen Gegner Adolf Hitlers.

Der Verfasser, ehemaliger Mitarbeiter des Freiburger Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, heute Dozent bei der Stabsakademie der Bundeswehr in Hamburg, ist bereits durch eine Dokumentation über „Reichswehr und Röhm-Affäre“ bekannt geworden. Was Hans-Adolf Jacobsen in seiner großen Arbeit über die nationalsozialistische Außenpolitik so überzeugend dargestellt hat – hinter dem Schirm des Auswärtigen Amts vollzog das Regime einen revolutionären Bruch mit der Außenpolitik –, bezeugt nunmehr Müller auch für die Wehrmacht: den Bruch der Kontinuität.

Müller hat in den freigegebenen Akten der ehemaligen deutschen Wehrmacht wertvolles, unerschlossenes Material entdeckt. Den ausländischen Autoren wirft er ein Übermaß, ehemaligen Generalen der Wehrmacht ein zu geringes Maß an Distanz vor. Dies könnte den Anschein hervorrufen, als ob er in der Forschung eine mittlere Linie einhält und keine neuen Akzente setzt. Doch kann davon, wie am Anfang gezeigt, keine Rede sein.

Um die Frage „Kontinuität oder Bruch“ zu verdeutlichen, widmet Müller das erste Kapitel mit dem bezeichnenden Titel „Armee in der Krise“ der Zeit vor 1933. Vor dem Ersten Weltkrieg war die unerschütterliche Treuebindung der Armee an die Krone ganz personaler Art. Während des Krieges jedoch zeigte sich, daß die Idee der Monarchie schon bedenklich ausgehöhlt war, wie aus Bemerkungen von Ludendorff, aber auch von Groener hervorgeht. Bei diesen Generalen wurden eine Umorientierung auf das „Volk“ und das „Reich“ sichtbar, dazu in der Praxis, nicht weniger klar, eine handfeste militärische Interessenpolitik. Durch das Bündnis mit der republikanischen Regierung erhielt die Armee Ende 1918 zwar eine neue Aufgabe, aber keine neue existentielle Bindung. Das Offizierskorps verharrte weiterhin in kühl ablehnender Distanz zur parlamentarischen Regierungsform, die es als Gegenpol zu seinem früheren Leitbild, der absoluten Monarchie, ansah, quasi als Übergangserscheinung.

Die berühmte Maxime des „Unpolitisch-Seins“, das Prinzip der Überparteilichkeit waren politisch durchaus bedeutsam. Müller weist dies am Beispiel des Generalobersten von Fritsch nach. Fritsch gab sich zwar betont unpolitisch, dennoch schrieb er über „schwarzrotgoldene Schweinehunde“ und redete über „Ebert, Pazifisten, Juden, Demokraten, Schwarzrotgold und Franzosen ..., die die Vernichtung Deutschlands wollen“. Es hat sich also seine „unpolitische“ Haltung bestens mit engagierten politischen Stellungnahmen vertragen.

Diese Mentalität im Offizierskorps wurde von der nationalsozialistischen Propaganda schon vor 1933 erfolgreich ausgenützt. Die meisten älteren Offiziere verhielten sich zwar dem Nationalsozialismus gegenüber reserviert, aber für den neuen Kanzler der „Nationalen Revolution“ waren sie aufgeschlossener als je für einen Kanzler der Weimarer Republik. Sie verstanden den Nationalsozialismus als ein gegenrevolutionär-konservatives Phänomen, gaben aber eben dadurch zu erkennen, daß ihre eigene konservative Ideologie auf schwachen Füßen stand.