Von Gerhard Brauner

Die befreiende Aktion kam buchstäblich fünf Minuten vor zwölf, und zwar nachts. Einige junge Leute, Architekturstudenten aus Graz, schienen nicht länger willens, die musikalische Berieselung widerspruchslos über sich ergehen zu lassen. Sie gingen daran, das Ritual der Konzerte zu ändern. Was immer an Werkzeug in ihre Hände kam: sie benutzten es als Instrument. Metall sauste auf Metall. Man stieß, hämmerte, rieb und kratzte sich das Mißvergnügen förmlich aus dem Leibe. Ort des mitternächtlichen Happenings war eine große Werkhalle im oststeirischen Gleisdorf, die Endstation der dreizehnteiligen Konzertreise des diesjährigen Grazer „Musikprotokolls 1969“.

Vorangegangen waren der außerplanmäßigen Aktion zwei Konzerte, von denen niemand recht wußte, warum sie ausgerechnet in eine Fabrikhalle verlegt worden waren. Die Honoratioren saßen vollzählig in der ersten Reihe, dahinter eine andächtige Zuhörerschar, die sich im altehrwürdigen Grazer Stephaniensaal ganz gewiß viel wohler gefühlt hätten. Smoking und Abendkleid waren nicht vorgeschrieben. Vom Podium erklangen György Ligetis „Apparitions“, durchsetzt von einigen Pfiffen der lokalen Eisenbahn, die den Komponisten immer wieder zusammenzucken ließen, garniert mit Stücken von Hauer, Cerha, Wellesz und dem Rumänen Bojidar Dimov. Später quoll auch noch Elektronisches, gebraut in den Studios zu Köln, aus vier Lautsprechern.

Wer bei dieser Gelegenheit womit konfrontiert werden sollte, blieb ungeklärt. Wohl behauptet der Kritiker einer linksgerichteten Tageszeitung steif und fest, er habe in der Pause ein leibhaftiges Arbeiterehepaar aufgespürt und interviewt, aber niemand schien ihm recht zu glauben.

Den Grazer Initiatoren, an deren gutem Willen nicht zu zweifeln ist, mag es wohl selbst erst an Ort und Stelle aufgegangen sein, daß man ein Konzert nicht so einfach übersiedeln kann. Dessen Ritual, das einmal von den bürgerlichen Konzertsälen geprägt wurde, entlarvt sich in einer Fabrikhalle besonders schonungslos. Wer in einer Werkhalle musizieren will, kommt nicht umhin, seine Absicht in funktioneller Hinsicht zu rechtfertigen: Wer stellt und orientiert das Publikum? Und: Welche Stücke sind den Gegebenheiten gemäß?

Vielleicht wird man in Graz aus diesem Fehler lernen, den die studentischen Musikanten bloßgestellt haben. Geschähe es, dann befände sich der „Steirische Herbst“ auf wirklich neuen Wegen. „Das Ritual der Konzerte muß geändert werden“, forderte Pierre Boulez dieses Jahr in einem Interview. Und gerade für das junge Festival in Graz, das seine Progressivität durchaus umfassend dokumentieren möchte, könnte „Musik und Umgebung“ ein Thema abgeben, bei dem sich Soziologen, Architekten und Komponisten zusammenfinden.

Es wäre zugleich eine gute Möglichkeit, das wissenschaftliche Forum der Steirischen Akademie, den Ideenwettbewerb trigon und das Musikprotokoll, die programmatischen Schwerpunkte des „Steirischen Herbstes“, zu integrieren.