Modernes Schmuckdesign ist in den letzten Jahren eine Sache von jungen Genies geworden, die aus dem Schmuck (im Sinne von Müttern und Großmüttern) etwas ebenso völlig anderes gemacht haben wie die sozialen Revolutionäre aus dem erhabenen Erbe von Bebel und Marx.

Schmuck, teuerste Kombination aus unserem edelsten Metall, aus Gestein und Perlenglanz, möchte den demütigen Zweck, reiche schöne Damen noch schöner und reiche häßliche Damen wenigstens teuer erscheinen zu lassen, am liebsten verwerfen. Schmuck ist Kunst, Kunst ist Modern Design, und modernen Schmuck kann nur verstehen und (ästhetisch) schätzen, wer weiß, was die „Documenta“ und wer Henry Moore ist und daß kinetischer Schmuck beweglicher, sich bewegender Schmuck ist.

Gewiß, die alten Funktionen bleiben: der Ring für den Finger, das Collier für den Hals, das Armband fürs Handgelenk und die Brosche für das Gebiet zwischen Halsgrube und Taille. Diademe? Man scheint sich Damen mit Diademen nicht mehr vorzustellen.

Dafür hat im vorigen – oder vorvorigen – Jahr Harry Winston, New Yorker König der Diamantensammler und -händler, ein Schultercollier entworfen, das die Dame bei entsprechendem Dekolleté über den Salznäpfchen tragen sollte. Es gab einen einseitigen Ohrring, und heuer tauchte ein steinbestückter güldener Handschuh auf. Doch das entsteht und vergeht, wird als interessant bestaunt und nie getragen.

So sind die Schmuckkünstler funktionell streng beschränkt. Das mag erklären, warum sie ihre Ideen um so heftiger und revolutionärer auf formaler und sozialer Ebene zu verwirklichen suchen, sie: das sind die jungen Leute, oft noch Goldschmiede-Lehrlinge, die die 30 Preise des jährlich verliehenen Diamonds International Award von einer nicht weniger avantgardistischen Jury aus drei Goldschmieden und einer Redakteurin von Harper’s Bazaar zugesprochen bekommen haben.

Dreißig Jahre ist das Durchschnittsalter, ein Mädchen war erst neunzehn, als die Jury in New York tagte. Deutsch sind die meisten, neun von 30 (und diese 30 wurden aus fast 700 ausgesucht). Schon im vorigen und im vorvorigen Jahr hatten die Deutschen die meisten Preise gewonnen 1967 sechs von 30, 1968 zehn von 30. Das bedeutet, daß der internationale Schmuck von Pforzheim und Schwäbisch-Gmünd aus beeinflußt und gelenkt wird, denn der Diamonds Award, Schmuck-Oscar genannt, verleiht nicht nur Ruhm und Auftragswürdigkeit, sondern er gibt auch den Trend an, steckt neue Maßstäbe, bestimmt den Geschmack der Zukunft.

So erhält es besonderes Gewicht, wenn einer der Preisträger sagt, er würde sich gern mit Industrial Design beschäftigen und Entwürfe nach eigener Auffassung machen, ohne auf „Kundenwünsche“ eingehen zu müssen.