Im Jahre 1954 erschien in dem Pariser Avantgarde-Verlag Pauvert, eingeleitet von dem Sprachphilosophen, einflußreichen Lektor und Mitglied der Académie Française Jean Paulhan, der Roman „Histoire d’O“ (eine deutsche Übersetzung brachte 1967 der Melzer-Verlag heraus). – Als Verfasserin zeichnete eine „Pauline Réage“; und trotz der besonderen Umstände des Falles, trotz der geschwätzigen Neugier des Pariser Literaturbetriebs ist dieses Pseudonym bis heute nicht gelüftet worden. Vermutungen richteten sich auf Paulhan selber und auf dessen Lebensgefährtin, die Schriftstellerin Dominique Aury; aber sie blieben Vermutungen. Das Geheimnis um die Autorschaft hat sein Teil zu dem Aufsehen beigetragen, das dieses Buch seitdem erregt.

Die „Geschichte der O“ ist – sofern man den Begriff nicht wertend, sondern klassifizierend gebraucht – ein pornographisches Buch zu nennen: Ihr einziges Thema, mit völliger Einseitigkeit und quälender Insistenz vorgetragen, ist die Sexualität. Aber es beginnt sich allmählich wohl herumzusprechen, daß die Sexualität ein völlig legitimes Thema der Literatur sein kann; daß die Zugehörigkeit zur „Pornographie“ ein Buch nicht von vornherein disqualifizieren muß; daß es innerhalb der „pornographischen“ Literatur so große Qualitätsunterschiede – von der billigsten und flüchtigsten Konfektion bis zu den extremsten Bewußtseinserkundungen – gibt wie in anderen, zum Teil nicht weniger einseitigen Genres. Auch wenn die Gerichte es manchmal noch nicht einsehen: „Pornographie“ und das, was wir als „Kunst“ zu bezeichnen gewöhnt sind, müssen sich nicht ausschließen.

Eine extreme Bewußtseinserkundung ist diese „Geschichte der O“ gewiß. In feierlichbesessenen Träumen malt sie aus, was die harmlos-hochanständige Sprache des bürgerlichen Lebens als „Hingabe“ der Frau preist: die Selbstaufgabe, die totale Unterwerfung und Versklavung, und zwar nicht aufbegehrend, sondern zustimmend – die Lust an der Auslöschung des Ich. Wie Susan Sontag in ihrem. Essay über die „pornographische Phantasie“ schrieb: „Die Frau, der kein anderer Name gegeben wird als ‚0‘, geht als menschliches Wesen ihrer Auslöschung, als geschlechtliches Wesen ihrer Erfüllung entgegen. Es ist schwer zu sagen, wie sich ermitteln ließe, ob es tatsächlich etwas in der ‚Natur‘ oder im menschlichen Bewußtsein gibt, das eine solche Spaltung fördert. Fest steht jedoch, daß die Möglichkeit den Menschen stets gepeinigt hat, sosehr er sich auch daran gewöhnt haben mag, diese Spaltung zu bagatellisieren.“ Vielleicht könnte die „Geschichte der O“ als ein Akt des Exorzismus verstanden werden: Indem eine Person die lustvolle Angst vor dem Ich-Verlust in der Liebe aus den Dämmerzonen der Seele hervorholt und ins Maßlose vergrößert, gewinnt sie Macht darüber und kann sich selber bewahren.

Damit fehlt der „Geschichte der O“ eine Eigenschaft, die häufig und fälschlich als Gattungsmerkmal der Pornographie schlechthin gesehen wird: Sie macht keine Propaganda für munteren Sex. Sexualität ist in ihr nichts urtümlich Gesundes, das nur von gesellschaftlichen Traditionen verbogen und verstümmelt wurde und jetzt auf eine Kur wartet. Es ist eine tragische Krankheit. Das Buch taugt nicht als Beweismaterial für jenen Optimismus, der an das allgemeine Glück durch „sexuelle Befreiung“ glaubt, ebensowenig wie die Sexualität bei Sade eine soziable Eigenschaft ist. Die „Geschichte der O“ ist eine Herausforderung sowohl für die konservativen Verdränger wie für die progressiven Emanzipatoren.

Ende des Monats veröffentlicht der Melzer-Verlag nun eine Fortsetzung: „Rückkehr nach Roissy.“ Wir drucken auf Seite 22, leicht gekürzt, das Vorwort der „Pauline Réage“– in der Überzeugung, daß es nicht nur die Leser ihrer beiden Bücher interessieren wird, aus welchen Umständen und Voraussetzungen solche finsteren Phantasien hervorgehen.

Dieter E. Zimmer