Hannover

Funktionäre vom Typ des Bremer Boljahn gibt es viele: Männer, die geschickt Geschäft mit Politik zu verquicken verstehen. Es gibt sie nicht nur bei den Sozialdemokraten, in Variationen sind sie auch bei der CDU zu finden. Einer von ihnen, ein relativ kleiner Fisch noch, ist Bruno Brandes, Fraktionschef der Christlich Demokratischen Union im niedersächsischen Landtag. Seine Ziele sind hochgesteckt. Er möchte nichts weniger, als sich auf dem kommenden Parteitag der CDU in Mainz ins Präsidium wählen lassen.

Was ihn einst bewogen hat, in die Politik zu gehen, ist heute nur noch schwer zu ermitteln. Er verschrieb sich erst relativ spät dem politischen Geschäft, 1956, im Alter von 46 Jahren. Brandes war in Holzminden Rechtsanwalt und Notar, die CDU nahm ihn bereitwillig auf, wählte ihn in den Stadtrat, bald darauf kam er in den Kreistag, wurde hier Fraktionschef und in Holzminden Bürgermeister. Selbstverständlich ist er Mitglied des Rotary-Clubs, und die Aufsichtsratsmandate bei kleineren und mittleren Firmen häuften sich. Dem rührigen Mann aus Holzminden wurde sein Wirkungskreis bald zu eng. Er ließ sich in den niedersächsischen Landtag wählen. Auch dort schaffte er es schnell: Innerhalb von fünf Jahren wurde er zum Fraktionsvorsitzenden und stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt.

Brandes ist nicht sehr beliebt bei seinen Freunden. Sie fühlen sich ihm unterlegen, und so waren sie alle recht froh, inklusive des Landesvorsitzenden Hasselmann, als Brandes am 29. September über die Landesliste in den Bonner Bundestag gewählt wurde. Doch die harten Oppositionsbänke mochte Brandes nicht. Er ging zwar nach Bonn und nahm an der ersten Sitzung des neuen Bundestages – Wahl des Bundeskanzlers – teil, um, wie Böswillige meinen, nur die Diäten zu kassieren. Anschließend legte Brandes sein Mandat nieder, der Posten als Fraktionschef im niedersächsischen Landtag war ihm lieber.

Seine Parteifreunde in Hannover nahmen daran Anstoß, und ihr Ärger über den selbstherrlichen Brandes stieg, als vergangene Woche Details aus Brandes beruflichem Lebensweg offenkundig wurden, über die Freund und Feind freundlich hinweggesehen hatten.

Am 16. September hatte ein Rechtsanwalt Helmut Meyer aus Stadtoldendorf, dicht bei Holzminden, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung inseriert, um Stimmen gegen die Fusion der Salzgitter AG und der Ilseder Hütte zu sammeln, die der ehemalige CDU-Schatzminister Schmücker einst initiert hatte. Hinter dem Rechtsanwalt Meyer, offiziell erfuhr es keiner, steckte Bruno Brandes. Er bat die Aktionäre der Ilseder Hütte, ihm Vollmacht zu erteilen, um sie nicht nur in Sachen Fusion zu vertreten, sondern auch in Fragen etwaiger Zusammenarbeit der Ilseder Hütte mit anderen Unternehmungen.

Als diese Aktivität von Brandes der CDU-Führung offiziell bekanntwurde, setzte sie sofort eine Prüfung in Gang, die sein Verhalten untersuchen soll, rechtlich wird Brandes daraus kein Vorwurf zu machen sein. Genauso wenig vor drei Jahren, als sich der Holzminder Kreistag mit Machenschaften seines CDU-Fraktionsvorsitzenden zu befassen hatte und feststellte, daß kein juristischer Vorwurf zu erheben sei. Damals hatte die Allgemeinnützige Bau- und Siedlungsgesellschaft Holzminden vier Miethäuser mit jeweils zwölf Wohnungen verkaufen wollen, weil die Gesellschaft flüssiges Kapital brauchte. Zwei Häuser waren mit billigen Landesmitteln finanziert worden, zwei mit etwas teureren Krediten der Braunschweigischen Staatsbank. Die teureren Häuser verkaufte die Gesellschaft an die Stiebel-Erben – Hinterbliebene des fünf Jahre vorher verstorbenen größten Fabrikanten der Holzmindener Gegend. Die beiden anderen Häuser kauften Bürgermeister und Aufsichtsrat der Gesellschaft, Brandes, und der damalige Vorstandsvorsitzende der Braunschweiger Staatsbank Dr. Carl Düvel. Die beim Kauf fälligen Notariatsgebühren sollten über Rechtsanwalt und Notar Bruno Brandes abgewickelt werden, in diesem Fall 5000 Mark.