Wir haben einen Bundespräsidenten, der sich für die bisher in der Bundesrepublik vernachlässigte Friedensforschung einsetzt, einen Bundeskanzler, der dieses Thema in seine Regierungserklärung aufnimmt, und wir werden ein Max-Planck-Institut für Friedensforschung erhalten. Da paßt es dreimal gut, daß just in diesem Moment einer der produktivsten unter den jüngeren bundesdeutschen Politikwissenschaftlern einen inhaltlich vielversprechenden Anfang gesetzt hat:

Dieter Senghaas: „Abschreckung und Frieden. Studien zur Kritik organisierter Friedlosigkeit“; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. Main 1969; 317 Seiten, 26,– DM.

Das einleitende Kapitel über die Kriegstheorien von Clausewitz und Ludendorff hätte sich Senghaas allerdings schenken können. Zu Ludendorff fällt ihm wirklich nichts Neues ein, und bei Clausewitz verfällt er in den üblichen Fehler, die Idealvorstellungen zeitgenössischer Militärtheoretiker im 17., 18. Jahrhundert und deren Idealisierung (als wirkungsvollen Kontrast gegen die Kriegführung seit 1789) gar zu unkritisch für die historische Realität zu nehmen.

Im eigentlichen Hauptteil analysiert Senghaas sehr scharfsinnig Theorie und Praxis der Abschreckung, wie sie zunächst von den Vereinigten Staaten, später als Reflex im Kalten Krieg auch von der Sowjetunion entwickelt wurden; er spricht von einem System „organisierter Friedlosigkeit“. Als erster errechnete er die finanziellen Kosten der Abschreckung, bezeichnete aber auch die gar nicht abzuschätzenden immateriellen Kosten, etwa den Intelligenzverlust in den „Abschreckungsgesellschaften“, die infolge der Abschreckungspropaganda immer mehr verdummen.

Senghaas entlarvt die angeblich und scheinbar so „rationalen“ Systeme der Abschreckungstheorien als höchst irrationale und politisch motivierte Dogmen, die im Zeichen des Kalten Krieges einen „Terrorfrieden“ aufrechterhalten helfen. Im günstigsten Fall vermag Abschreckung den sozialen und politischen Status quo in der Welt gewaltsam zu konservieren, wobei alle übrigen Gefahren, die der Menschheit aus der Dynamik der Technik und der Industrialisierung erwachsen, ignoriert oder vernachlässigt werden. Im schlimmsten Fall kann Abschreckung den Dritter Weltkrieg doch nicht verhindern.

Senghaas verschließt seine Augen n. it vor der Gefahr, die seinen eigenen Forschungsbereich bedrohen: Wird Friedensforschung ganz abstrakt betrieben, losgelöst von den sozialen Faktoren, die hinter der Abschreckung stehen, so hilft sie gar nicht weiter; sie könnte dann sogar eine Alibifunktion ausfüllen und auf die Abschreckungsgesellschaften stabilisierend wirken. Dies sollte sich gerade die bundesdeutsche Friedensforschung von vornherein zu Herzen nehmen.

So weit, so gut. Nur: Bücher wollen, um zu wirken, auch gelesen werden. Senghaas schreibt jedoch im neumodischen Soziologen-Jargon, den meist nur die Eingeweihten ohne weiteres verstehen. Von den Führern der Apo im Frühjahr 1968 sagten Vertreter des Bestehenden erleichtert und spottend zugleich, daß bei ihrem Rot-Welsch keine Revolution zu befürchten sei – eine verspätete und subtile Rache des deutschen Idealismus an seinen progressiv geratenen Ururenkeln. Ähnlich könnte man von Senghaas befürchten, daß bei seinem Stil kein Friede zu erwarten sei. Vor allem an den Stellen, wo der Autor Theorien anderer Autoren referiert und analysiert, ist sein Buch fast unlesbar. Manchmal verliert man die Lust, sich durch das Gestrüpp von doppelten und dreifachen Genitiven durchzukämpfen (einmal gelang es dem Autor, in einem Satz gleich zweimal einen dreifachen Genitiv unterzubringen!), durch schwerfällige Passivgebilde, unnötige Nominalkonstruktionen und Sätze mit „bezüglich“ oder „hinsichtlich“, die meist unfehlbar einen überflüssigen doppelten Genitiv produzieren. Der Rezensent bekennt, daß nur sein Ehrgeiz, ein zu kritisierendes Buch auch bis zum Ende zu lesen, und die „Worte des Vorsitzenden Gustav“ über die Bedeutung der Friedensforschung ihm überhaupt die Kraft zum Durchhalten gaben.