John C. G. Röhl: „Deutschland ohne Bismarck. Die Regierungskrise im zweiten Kaiserreich 1890–1900“; Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen 1969; 318 Seiten, 34,50 DM.

Als im Jahre 1948 Erich Eyck ein Buch über das „persönliche Regiment“ Kaiser Wilhelms II. veröffentlichte, stieß er auf viel Kritik und Ablehnung. Aber schon 1900 hatte Friedrich Naumann in seinem Buch über Demokratie und Kaisertum geschrieben: „Es gibt im gegenwärtigen Deutschland keine stärkere Macht als das Kaisertum...“

In der bemerkenswert schlechten deutschen Übersetzung von John C. G. Röhls Buch heißt es: „Nicht 1890 (das Jahr von Bismarcks Entlassung), sondern erst 1897 war das entscheidende Jahr für Wilhelms II. Regierung. Jetzt hatte er sein Ziel erreicht, er bestimmte die deutsche Politik, ohne sich in die Pläne der Ressortchefs einschalten zu müssen. In Bülow, Tirpitz und Miquel besaß er Ratgeber nach seinem Geschmack. Jeder von ihnen übernahm eine Aufgabe, deren Lösung sich Wilhelm schon lange vorgenommen hatte. Bülow die Weltpolitik, Tirpitz die Flottenpolitik, Miquel die Sammlungspolitik...“

Bis Wilhelm II. zu dieser „absoluten“ Macht gelangte, so meint Röhl in einem Buch, das viele Einzelheiten eindrucksvoll aneinanderreiht, bevor ein sehr scharfer Schluß gezogen wird, brauchte er sieben Jahre. Denn 1890, nach Bismarcks Entlassung, regierte in Deutschland noch eine „Oligarchie“ von 21 Männern: der Kaiser, seine drei Kabinettchefs, sieben preußische Minister, der Reichskanzler, der Chef der Reichskanzlei, sechs Staatssekretäre der Reichsämter sowie Kaiserfreund Philipp zu Eulenburg und die „Graue Eminenz“ Friedrich von Holstein.

Vielleicht hat Röhl gelegentlich zu sehr machtinstitutionell argumentiert, möglicherweise läßt die straffe Summierung vieler Einzelereignisse, die sich über mehr als sieben Jahre verteilten, zu einer einzigen knappen Darstellung manches Wort und Ereignis in einem geschlossenen Zusammenhang und damit wichtig erscheinen, während es damals geringere Bedeutung hatte, wahrscheinlich hat Wilhelm II., der ein sprunghafter Mensch war, nicht so bewußt und konsequent Jahr um Jahr auf das große Ziel des persönlichen Regiments hingearbeitet, wie es jetzt in einer Zusammenstellung aller Hinterhältigkeiten und Feindschaften, Zänkereien und Betrügereien erscheint. Aber selbst wenn man hier und da die Akzente des Urteils ein wenig anders setzt, bleibt doch eine überzeugende Fülle des Materials übrig, die Röhls Urteil durchaus stützt. Wer das Buch wissenschaftlich benutzen will, wird freilich gut daran tun, das englische Original heranzuziehen.

Wilhelm Treue