Jim es Thurber läßt seinen Walter Mitty heroischen Träumen nachhängen, aus denen ihn ständig die Realität (sprich: Ehefrau) herausreißt. Jedermann hat wohl solche Träume, die sich nicht selten an gesetzlosen Heroen orientieren, ohne daß er sie je erleben darf – es sei denn im Spiel, wo er die unterschwellige Neigung zu Schurkereien hemmungslos ausleben kann. Darin, zum Beispiel, liegt auch der weltweite Erfolg von „Monopoly“.

Auf der Vorlage eben dieses Spiels bitten neuerdings, mit einiger Verspätung, die Gentlemen zur Kasse. Henry Kolarz hat damit die englische, eben zu neuer Aktualität gelangte Posträuber-Story fast bis zum letzten Tropfen ausgemolken: Illustriertenfolge, Fernsehserie, Gesellschaftsspiel.

Da hat der Verlag plötzlich zwei Spiele gleichen Inhalts anzubieten, denn er übernahm zur selben Zeit den Restposten der „Posträuber“ aus dem Lindenberg Verlag, der das Spiel schon vor zwei Jahren und damit rechtzeitig auf den Markt geworfen hatte, doch offenbar ohne Erfolg. Wird das neue einer?

Bei dem typischen Darrowschen Rundlauf (dem wievielten?) geht es schurkisch zu. Der distinguiert-noble Räuber Horst Tappert ist, seinem Konterfei auf dem Deckel zufolge, für den Handlungsablauf eklatant untypisch; man merkt es, sobald man den überaus reichhaltigen Inhalt des Kartons in Betrieb setzt. Die Spieler benehmen sich, der Spielregel gemäß, nämlich ganz anders als gentlemanlike. Wider sein besseres Wissen hetzt der Autor die Akteure hemmungslos gegeneinander, jede Phase des Spiels ist korrupt bis tief nach Scotland Yard hinein: Da nehmen sich die Superdiebe Geldsäcke gegenseitig weg, erpressen sie Schweigegelder von Mitwissern, schmieren Gefängniswärter ab, kaufen Farmen, in denen sie Kollegen auf Besuch erbarmungslos ausnehmen, ja sie werden sogar mit dem Detektiv inmitten von Scotland Yard handelseinig, indem sie ihm bereits sichergestellte Postsäcke gegen Höchstpreise wieder abhandeln.

Um diese Postsäcke geht es; sie allein sind für den Spielausgang entscheidend, nicht das Geld, dessen man sich in eminent hohen Beträgen beim Spielen bedient. Geht es aus, stehen den Gaunern sogar bedeutende Kredite zur Verfügung, freilich zu so dicken Zinsen, daß mancher Posträuber einfach und schlicht pleite geht, bevor er einen Sack im Versteck verstauen kann.

Sie alle spielen überdies natürlich noch gegen ihren eigentlichen Feind, die Polizei, einen im Spiel passiven und anonymen, jedoch mächtigen Teilnehmer, den Detektiv inmitten des Spielfelds, der mit seinen gierigen Kleiderständerärmchen Postsack um Postsack sicherstellt (allerdings kulanterweise auch gelegentlich wieder herausrückt). Und: der Fiskus hat durchaus eine Chance, das Spiel gegen die schwer schuftende Bande zu gewinnen. So wird im Verlauf klar und klarer: Posträuberdasein ist ein gar arm- und mühseliges, das sich kaum lohnt, und man schwört, lieber in einem gemütlichen Steinbruch einen niedlichen Kompressor bis tief in die Nacht zu bedienen, als Posträuber zu sein. Womit sich diese Neuheit schließlich als eine ungemein moralische herausstellt.

Sie ist recht gut aufgemacht und spielt sich lustig an, doch hat der Hergang Längen, öde Strecken, die sich freilich unvermittelt zu hoher Spannung steigern können. Der Sieger kann, wie gesagt, auch Scotland Yard sein, was der ganzen harten Spielarbeit den Stempel der Sinnlosigkeit aufdrückt: ein Anti-Spiel-Effekt, ein Damoklesschwert, das über der stundenlang beschäftigten Runde hängt, und, fällt es, nicht einmal den pleitegegangenen und wegen zu vieler Vorstrafen vorzeitig ausgeschiedenen Teilnehmern eine mäßige Genugtuung bereitet. Eugen Oker