Ralf Dahrendorf promovierte 1952 in Hamburg bei den, Professoren Dr. Josef König und Dr. Siegfried Landshut über „Der Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx“.

Ich kramte in meinen Marx-Kenntnissen, an ein häufiges Auftauchen der Worte „gerecht“ oder „Gerechtigkeit“ konnte ich mich nicht erinnern.

Dahrendorf machte sich ans Zählen: „In seinen (Marx’) sämtlichen Schriften habe ich das Wort (Gerechtigkeit) 57 mal gezählt, davon 37 mal in Zitaten aus Werken anderer Schriftsteller. An 16 weiteren Stellen nimmt Marx es ironisierend aus Zitaten auf oder benutzt es als Anlaß zu Polemik.“

Fürwahr ein mageres Auszählergebnis. Aber dem gegenüber steht die Tatsache, daß Marx-Interpreten wie Jaspers, Gide, Oda Olberg dieses Wort gebrauchen, „um das Marxsche Denken zu charakterisieren“.

Diese Paradoxie reizte Dahrendorf zu seiner Untersuchung. Er wollte nachweisen, ob Marx nur das Wort oder auch den Gedanken der Gerechtigkeit nicht kennt“, und damit gleichzeitig die Frage beantworten, ob „der, der in Marx einen Begriff der Gerechtigkeit hineindeutet, ein Notwendiges oder ein Illegitimes tut“.

Dazu stellt Dahrendorf drei Fragen an Marx:

  • „Ist es sinnvoll möglich, aus den Prinzipien des Marxschen Denkens einen Begriff des Gerechten zu entwickeln?
  • Wenn dies möglich ist: Welcher Natur ist dieser Begriff für Marx? Kann er auch bei ihm als tragende Instanz seiner Analysen und Prognosen verstanden werden?
  • Wenn dies nicht möglich ist: Inwiefern verbieten die Prinzipien des Marxschen Denkens einen Begriff des Gerechten? Welches andere Prinzip kennt Marx an Stelle eines Begriffs des Gerechten?“